Der Terminplan – Heynckes’ größte Herausforderung

von Redaktion

Die Vorbereitung im Schnelldurchlauf bedarf bewusster Trainingssteuerung – „Der Muskel wächst in der Pause“

München – Gerade mal zwölfeinhalb Tage hatten die Spieler des FC Bayern nach dem Abschluss des Fußballjahres 2017 (2:1 gegen Dortmund im Pokal) Zeit, um die leeren Akkus aufzuladen. Seit gestern geht es wieder Schlag auf Schlag. Weil die WM ihre Schatten vorauswirft, ist auch die Vorbereitung deutlich enger getaktet als üblich. Reisetag, vier Tage Trainingslager in Doha, Reisetag, vier Tage München, Rückrundenauftakt in Leverkusen. Ist eine sinnvolle Trainingssteuerung da überhaupt möglich?

„Ja“, sagt Steffen Tepel, aber der Experte – ehemals Nordischer Kombinierer, heute Neuroathletiktrainer diverser Olympioniken und Fußball-Profis – sieht den Terminplan als „trainingsplanerische Herausforderung“ an. Dieselben Umfänge wie in einer normalen Vorbereitung zu realisieren, hält der 32-Jährige für „sinnlos“. Der Rhythmus zwischen Erholung und Belastung müsse auch in der kurzen Zeit in warmen Gefilden „zwingend eingehalten werden“. Er verweist auf ein altes Sprichwort: „Der Muskel wächst in der Pause.“ Heißt: Regeneration ist mindestens genauso wichtig wie Belastung.

Die Trainingsplanung in der Winterpause hat die 18 Bundesligisten heuer lange beschäftigt. Es ist freilich kein Zufall, dass acht Teams – unter ihnen Leverkusen, Leipzig und Hoffenheim – auf Reisestrapazen verzichtet haben und sich zuhause auf die Rückrunde einstimmen. Die Bayern sind vertraglich gebunden, die Reise nach Doha ist unumgänglich. Auch Jupp Heynckes aber hat seit seinem Amtsantritt kein Geheimnis daraus gemacht, dass sie ihm ungelegen kommt.

Tepel stellt die „negativen Effekte der Reisestrapazen den positiven Effekten der Wärme“ gegenüber und sieht einen Trip ins Warme als unbedenklich an, „wenn die Flugzeit kurz gehalten und der Körper nicht dem zusätzlichen Stress eines Jetlags ausgesetzt wird“. Fünfeinhalb Stunden waren die Bayern gestern in der Luft, in Doha ist es zwei Stunden später als daheim in München.

Mitbedacht werden sollte laut Tepel die Zeit, die der Körper für den „Anpassungseffekt“ an die klimatischen Bedingungen braucht. Kein zu großer Sprung bei 25 Grad Celsius, die man in Katar in dieser Woche im Schnitt erwartet. Gleichzeitig fordert die Adaption dennoch Energie – und „genau diese Phasen stellen Risiken für Verletzungen dar, weil die Chance größer ist, dass die bewegungssteuernden Systeme nicht auf vollen Touren arbeiten“.

Die Bayern-Spieler haben nach der kräftezehrenden Hinrunde inklusive zweier unterschiedlicher Trainingsansätze von Heynckes und dessen Vorgänger Carlo Ancelotti offen zugegeben, dass sie mit ihren Kräften am Ende sind. „Die Pause“, sagt Tepel, der die Schweizer Kombinierer als Trainer 2014 zu den Olympischen Spielen in Sotschi führte, „kam nun zur rechten Zeit.“ Mental seien die Spieler wieder „voll aufgeladen“, wichtig ist aber ab jetzt „eine fein abgestimmte Belastungssteuerung“.

Es geht darum, „die Fitness behutsam aufzubauen und trotzdem die Frische der Spieler zu erhalten“. Die Kunst bei Top-Mannschaften wie dem FC Bayern sei es, „möglichst schnell zu regenerieren“, wenn man in Hochphasen alle drei Tage gefordert ist. Der Fokus sollte daher zwar auf dem Rückrundenstart liegen – die Trainingsplanung aber weit darüber hinaus gehen. Präventiv sei es am besten „die bewegungssteuernden Systeme neuronal aufzuarbeiten, auf eine gute Belastungssteuerung Wert zu legen, spielnah zu trainieren und technische, taktische und athletische Komponenten in Spielformen zu vereinen“. Die Gefahr von „bewegungsinduzierten Muskel- und Bänderverletzungen sinkt vor allem dann rapide, wenn die bewegungssteuernden Systeme des Spielers einwandfrei funktionieren“.

In der Hinrunde zollten zahlreiche Spieler dem intensiveren Training unter Heynckes Tribut, zudem zehrt laut Tepel auch der Konkurrenzkampf an den Kräften. „Dem Geist und dem Wohlbefinden“ haben die zwölfeinhalb Tage Pause daher auch gutgetan.“  hlr

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