Doha – Der Dresscode für Reisen des FC Bayern ist streng reglementiert. Es gibt den feinen Zwirn, der bei Champions League-Reisen Pflicht ist (zwei Stunden Flug gehen schon im Anzug). Und es gibt den „Repräsentationsanzug“, bevorzugt getragen auf längeren Reisen wie jener, die gestern nach Doha anstand. Was als etwas Besonderes klingt, ist nichts anderes als eine herkömmliche Trainingsklamotte. Also: Shirt, Jogging-Hose, Kapuzen-Jacke.
Und trotzdem stach gestern ein Mann aus diesem gemütlichen Tross heraus. Die Spieler trugen weiß – Jupp Heynckes kam im knalligen Blau. Die Botschaft, die er zum Start ins neue – und zu 99,9 Prozent persönlich letzte – Fußball-Jahr rein optisch überbrachte, bestätigte der Coach wenige Momente nach seiner Ankunft am Flughafen auch durch Worte. Sie lautete: Heute rede ich!
Während die Spieler also Autogramme gaben und vor dem fünfeinhalb Stunden langen Flug in Katars Hauptstadt noch ein wenig ihre (endlich ausgeruhten) Beine bewegten, trat der 72 Jahre alte Heynckes vor die Mikrofone. Er ist ein alter Hase im Geschäft und weiß, dass sich auch während eines gerade mal zwölftägigen „Wimpernschlags der Erholung“ Themen anstauen können, die einer Moderation bedürfen. Und so sprach halt er über den (fixen) Neuzugang Sandro Wagner und auch den (so gut wie fixen) anderen, Leon Goretzka. Seine Meinung: Beide können dem FC Bayern weiterhelfen. Wagner schon ab sofort – er war an Bord und absolvierte auch gleich das Auslaufen nach der Landung auf der „Aspire Academy“ mit. Goretzka ab dem Sommer – wenn Heynckes wohl wieder in Schwalmtal auf seinem Bauernhof sitzt.
An den Ruhestand allerdings denkt der Trainer keine Sekunde, denn er ist mit dem Ziel in die Mini-Vorbereitung gestartet, in seinem letzten halben Jahr noch einmal alles aus diesem, seinem Team herauszukitzeln. Trotz 15 Siegen in 16 Spielen seit seinem Amtsantritt sieht er noch einige Stellschrauben, die zu drehen sind. Er sagte auch offen, dass das Niveau der Hinrunde nicht reiche, um auf Europas Thron zu klettern. „Es gibt immer wieder Dinge, die verbesserungswürdig sind.“ Mit „hoffentlich aufgeladenen Akkus“ gelinge das – trotz lediglich vier vollen Trainingstagen in Doha – leichter.
Ein Blick in die Gesichter der Spieler reichte, um zu sehen, dass auch die kurze Pause zum Durchschnaufen gutgetan haben wird. An Bord der Maschine LH 2570 saßen außer den drei in München gebliebenen Verletzten Manuel Neuer, Thiago und Christian Früchtl und den direkt aus dem Urlaub nach Doha angereisten Robert Lewandowski, James, Arjen Robben, Franck Ribery, Jeroma Boateng und Sportdirektor Hasan Salihamidzic gut gelaunte Profis. Insgesamt umfasst die Trainingsgruppe unter Dohas Sonne 25 Akteure. Unter ihnen einige Jugendspieler – und auch Wagner auf seiner ersten offiziellen Reise als zurückgekehrter Bayer.
Der rund zwölf Millionen Euro teure Ex-Hoffenheimer wollte das Reden bei der Premiere lieber noch Heynckes überlassen, und der versprach dem 30-Jährigen gleich ein paar Einsatzzeiten. „Ich bin ein Trainer, der auch ein siegreiches Team wechselt, wenn ich die Notwendigkeit sehe, dass Spieler müde oder leicht angeschlagen sind. So werde ich das auch mit Sandro Wagner praktizieren“, sagte er. Er freue sich über den qualitativ hochwertigen Ersatzmann für Lewandowski, der eine große Lücke im Kader schließe. Trotzdem wies er auch gleich zum Start darauf hin, dass Wagners Position beim Winterwechsel klar besprochen worden sei: „Ich denke, dass er seine Rolle kennt und weiß, dass vor ihm ein Weltklassespieler wie Robert Lewandowski ist.“
Wirtschaftlich berge der Einkauf „überhaupt kein Risiko“, die Transferbemühungen seien mit der Ankunft von Wagner abgeschlossen. Dass aber auch Heynckes schon in den Sommer schaut und die Bayern-Bosse bei möglichen Neuverpflichtungen ausgiebig berät, ist kein Geheimnis. Über Leon Goretzka sagte er daher: „Das ist ein guter Junge, der gefällt mir.“ Bestätigen wollte er den Wechsel des Schalker Juwels zwar nicht, Sätze wie „Das muss ein aufgeweckter, intelligenter Junge sein. Der weiß schon genau, was für ihn das Beste ist“ sprachen aber für sich.
Heynckes freut sich auf Goretzka, obwohl er ihn selbst wohl nicht mehr trainieren wird. Dafür ist er jetzt voller Tatendrang. „Klug“ müsse man die Tage bis zum Rückrundenauftakt in Leverkusen am 12. Januar gestalten, sagte er. Und wies darauf hin, dass Doha dafür ein gutes Pflaster sei. Im Triple-Jahr 2013 habe man „überragend“ in Katar gearbeitet: „Ich hoffe, dass wir das auch jetzt machen können.“ Klare Ansage vom Chef. Heute um 10.30 Uhr geht es richtig los. In Trainingsklamotten.