München – Der Ausflug zum Klettern ist ein schönes Beispiel. Es gibt eine Menge Bilder, die Natalie Geisenberger in der Vertikalen zeigen, mal in der Halle, mal am Berg. Weil also ohnehin dokumentiert ist, wie es aussehen kann, wenn die weltbeste Rodlerin neue Wege einschlägt, macht sie aus der Sache kein großes Geheimnis mehr. „Finger- und Rückenmuskulatur“ profitierten ebenso wie „Rumpfstabilität“. Ganz zu schweigen davon, dass so eine Aktion eine prima Teambuilding-Maßnahme sei.
Rodler sind sehr verschwiegen, wenn es darum geht, über die Feinheiten ihrer Arbeit und der dazugehörigen Vorbereitung zu sprechen. „Dazu muss ich jetzt nichts sagen, oder?“ ist eine typische Geisenberger-Antwort. Tatsächlich erwartet niemand, im Detail aufgeklärt zu werden, wo ein Athlet an seinem Schlitten noch Verbesserungspotenzial sieht. Doch letztlich hat Geisenberger das Thema an diesem Morgen beim traditionellen Weißwurstfrühstück der Schlittensportler im Münchner Spatenhaus selber aufgebracht. Auf die Frage, wie man auch nach so langer Zeit an der Weltspitze sich weiterentwickeln kann, sagt sie: „Man muss bereit sein, neue Wege zu gehen.“
Frauen-Rodeln ist selbst nach den strengen Maßstäben der Sportnation Deutschland ein Musterbeispiel für Dominanz. In den vergangenen fünf Jahren gewann die Miesbacherin Geisenberger (29) stets den Gesamtweltcup, davor war ihre ewige Rivalin Tatjana Hüfner (34) fünfmal die Beste. An solche Erfolge kann man sich gewöhnen, weswegen es ebenso kurios wie schlüssig klingt, wenn Thomas Schwab, der Vorstandsvorsitzende des nationalen Schlittensportverbandes (BSD), über die bisherige Saison sagt: „Die Damen liegen im Soll.“ Er meint damit, dass Natalie Geisenberger in der Gesamtwertung schon wieder führt. Mit einigem Abstand ist Tatjana Hüfner Zweite.
In Wahrheit ist das natürlich eine außerordentliche Leistung, hinter der eine Menge Arbeit steckt, ob in der Kletterhalle, im Fitnessstudio, im Eiskanal oder in der Werkstatt. Und Geisenberger meint es auch keineswegs kokett, wenn sie sagt, dass diese Zwischenbilanz „teilweise überraschend“ sei. In der ersten Saisonhälfte haben die Rodler mehrere Wettbewerbe in Nordamerika bestritten, wo den US-Athleten und Kanadiern der Heimvorteil ebenso zugute kommt wie umgekehrt oft genug den Deutschen, die von neun Weltcup-Stationen gleich vier stellen. Aber selbst in Lake Placid, wo sie im Training „einen Aussetzer hatte, der auch ein bisserl weh getan hat“, stand Geisenberger am Ende auf dem Podest ganz oben.
Am Wochenende beginnt nun am Königssee, ihrer Heimbahn, die zweite Weltcup-Halbzeit. Wie immer werden am frühen Samstag ein bis zwei Busse in Miesbach aufbrechen, um ihre Fans an die Strecke in Schönau zu bringen. Auch deshalb ist der Wettbewerb „eines der Highlights“, die ihr der Winter zu bieten hat. Aber diesmal eben nur Highlight Nummer zwei.
Die mit Abstand wichtigsten Termine sind der 12. und 13. Februar, wenn im „Alpensia Sliding Centre“ von Pyeongchang die olympischen Frauenläufe stattfinden. Nach ihren zwei Goldmedaillen 2014 in Sotschi hat Geisenberger oft darauf verwiesen, dass sie ihre Ziele bereits erreicht habe und jeder weitere Titel ein Bonus sei. Aber auch einen Bonus streicht man halt gerne ein, erst recht, wenn man so gut unterwegs ist und mit der hochkomplizierten Bahn in Südkorea vergleichsweise positive Erfahrungen gemacht hat.
Auf ihrem Smartphone hat Natalie Geisenberger ein Video, das sie im Tiefflug über eine Kuppe zeigt, die zum zweifelhaften Markenzeichen der Strecke geworden ist. Die Miesbacherin kann nach den Eindrücken der internationalen Trainingswoche im Herbst lebhaft davon berichten, wie tückisch die Bahn ist und wie viele Athleten schmerzhafte Erlebnisse verkraften mussten („Jeden Tag kam ein Neuer auf Krücken“). Doch Fakt ist nun mal, dass beim bisher einzigen ernsthaften Wettkampf, dem Weltcup im vergangenen Winter, nach Geisenbergers Berechnung nur „zweieinhalb Läuferinnen“ zwei fehlerfreie Durchgänge hinbekamen. Sie war eine von ihnen.