Von Federer inspiriert

von Redaktion

Belinda Bencic glänzt nach Verletzungspause und erreicht mit dem Schweizer Kollegen das Finale des Hopman Cup

von doris henkel

Perth – Roger Federer zitterte mit, als Belinda Bencic den Ball im letzten Gruppenspiel beim Hopman Cup in Perth zum letzten Mal in die Luft warf, und er freute sich fast so sehr wie die Partnerin selbst, als alles klappte. Mit dem Sieg gegen die Amerikanerin Coco Vandeweghe (7:6, 7:5) landeten Federer und Bencic im Finale, und sie hätten nichts dagegen, am Ende gegen Deutschland mit Angelique Kerber und Alexander Zverev um den Sieg zu spielen (die Entscheidung über den Gegner fällt an diesem Freitag).

Es ist noch nicht allzu lange her, dass Belinda Bencic mit einem Gips am operierten linken Handgelenk zuhause gesessen hatte und ihr der Gedanke an die gemeinsamen Tage vor einem Jahr in Perth mit Federer wie ein Licht erschienen war. Der hatte sich im Laufe des Jahres des Öfteren bei ihr gemeldet und ihr Mut gemacht. „Das war echt lieb von ihm“, sagt sie. „Als ich dann zurückgekommen bin, hat er die Turniere verfolgt und hat mir geschrieben. Ich hab’s mega geschätzt, dass ihn das auch interessiert, was ich neben dem Hopman Cup so mache.“

Anfang April hatte sie zuletzt bei einem Turnier gespielt, nachdem sie sich neun Monate mit einer lädierten Sehne im linken Handgelenk gequält hatte. Sie hatte verschiedene Behandlungen versucht, aber ohne Erfolg. Aber sie nutzte die Zeit nach der Operation auch dazu, sich mit Freunden zu treffen, machte ein paar Städtetouren und verbrachte mehr Zeit als früher allein. Sie findet, das sei ziemlich cool gewesen. Eine Einschätzung, die man grundsätzlich als gutes Zeichen deuten kann – wer mit sich selbst gut klarkommt, der balanciert entspannter auf dem Hochseil des Lebens.

Im Sommer verpflichtete sie einen neuen Coach, den Briten Iain Hughes. Nach zwei Tests war sie sicher, das sei der richtige Mann, und diese Einschätzung ist inzwischen fester Bestandteil des Konzepts. Bencic’ Vater Ivan, der sie zuvor trainiert und auf der Tour begleitet hatte, kümmert sich jetzt in erster Linie um Sohn Brian, der ebenfalls Tennisspieler ist.

Die neue Zuordnung brachte unglaublich schnell Erfolge. Weil sie nicht mehr länger zuhause sitzen mochte, entschied sie sich für die schnellste Lösung bei einem kleineren Turnier, und zu ihrer grenzenlosen Überraschung gewann sie bei einem 100 000er-Turnier im September in St.Petersburg auf Anhieb den Titel. „Ich war einfach sooo happy, wieder auf dem Platz zu stehen, dass es mir fast egal war, ob ich verlieren würde oder nicht“, sagt sie. „Das war echt ein super Gefühl.“ Mit frischem Selbstvertrauen nach den fünf russischen Siegen machte sie sich auf den Weg, und bis zum Ende der Saison gewann sie drei weitere Titel.

Innerhalb weniger Wochen kletterte sie in der Weltrangliste von Platz 312 auf 74, und da sie aus den ersten Monaten des vergangenen Jahres nicht so furchtbar viele Punkte zu verteidigen hat, könnte die Sache sehr zügig weitergehen. Im März 2016, kurz vor ihrem 19. Geburtstag, hatte sie auf Platz 7 der Weltrangliste gestanden. Und obwohl es übertrieben wäre, gleich wieder in diese Richtung zu schielen, erinnern die Ereignisse des vergangenen Jahres daran, was im Frauentennis dieser Tage möglich ist.

Das sieht sie auch so. „Man hat ja gesehen, als Jelena Ostapenko 2017 fast aus dem nowhere einen Grand-Slam-Titel gewonnen hat. Das gibt einem natürlich schon Gedanken, dass man das auch schaffen könnte. Ich will eine konstante Spielerin sein, darauf arbeite ich hin. Es war sehr schnell, wie ich hochgekommen bin, vielleicht konnte ich damals noch nicht mit allem umgehen.“

Der Sieg am Donnerstag gegen Coco Vandeweghe war Belinda Bencic’ 18. nacheinander seit Anfang November und er hatte auch deshalb eine besondere Bedeutung, weil die Amerikanerin als Zehnte der Weltrangliste nicht irgend eine Gegnerin war.

Federer erinnerte sich, vor einem Jahr habe er die Partnerin trösten müssen, nachdem sie es knapp nicht geschafft hätten, im Finale zu landen. „Sie dachte damals vielleicht, dass es unsere einzige Chance ist, zusammen den Hopman Cup zu gewinnen.“ Aber meist folgt einer ersten Chance mindestens noch eine zweite; das ist ja das Schöne am Sport.

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