München – Eine halbe Stunde nach Mitternacht war die Sache amtlich: Nach einer Beiratssitzung, die zehn Stunden zuvor begonnen hatte, flatterten E-Mails in die Postfächer der Reaktionen, die die erwartete Nachricht verbreiteten, den brisanten Hintergrund aber geflissentlich verschwiegen: Michael Scharold löst Markus Fauser nur deshalb als Geschäftsführer der TSV 1860 KGaA ab, weil beide Gesellschafter wie so oft auf keinen gemeinsamen Nenner kamen – und sich die e.V.-Fraktion im vierköpfigen Beirat zum zweiten Mal binnen sieben Monaten gezwungen sah, 50+1 zu ziehen.
In der um 0.34 Uhr versandten Pressemitteilung liest sich das harmonischer. „Die Stabübergabe an Michael Scharold ist eine logische Konsequenz, die auf der guten Zusammenarbeit in der Vergangenheit fußt“, wird der scheidende Fauser zitiert: „Es ist ein Glücksfall, diese wichtige Position aus den eigenen Reihen heraus besetzen zu können. Gleichzeitig steht mein Nachfolger für Kontinuität und den professionellen Anspruch der KGaA.“ Er, Fauser, sei in seinem halben Jahr als Löwen-Boss „auch zum Fan des Klubs“ geworden: „Von daher erkläre ich mich bereit, die Löwen auch weiterhin zu unterstützen.“
Scharold, einst von einer Ismaik-Vertrauten eingesetzt und bereits seit April 2017 für das Finanzressort der Löwen zuständig, teilte sich wie folgt mit: „Die Geschäftsführung bei 1860 zu übernehmen, bedeutet für mich eine spannende Herausforderung, die ich sehr gerne annehme. Zusammen mit Herrn Fauser konnte ich im abgelaufenen Jahr mitwirken, Ruhe in das operative Geschäft der KGaA zu bringen.“ Ehe sich Scharold, 37, gegen Ismaiks Favorit Franz Gerber, 64, durchsetzte, hatte der langjährige Schalker einen Fünfjahresplan präsentiert, der sowohl den Aufstieg in die 3. Liga vorsieht als auch wirtschaftliche Unabhängigkeit von jedwedem Investor. „Zu diesem erhielt ich positive Signale, die mich für die Bewerbung als Geschäftsführer massiv bestärkt haben“, erklärte Scharold. Präsident Robert Reisinger bedauerte das Ausscheiden von Fauser: „Der Verlust wird aber durch das interne Aufrücken von Michael Scharold sehr gut kompensiert.“ Auf einer Pressekonferenz heute um 14 Uhr soll der Diplomkaufmann aus Prien dann auch öffentlich darlegen, wie er die Löwen bis 2023 zurück in die Erfolgsspur bringen will.
Wie unsere Zeitung erfuhr, wird Scharold womöglich nicht der einzige Zugang sein, den die Löwen präsentieren. Das Konzept, mit dem der neue Boss die e.V.-Seite überzeugen konnte, beinhaltet ein ganzes Bündel an Namen, die die professionelle Neustrukturierung mit Leben füllen sollen. Der frühere Amateurcoach Dieter Märkle (2008 bis 2010) kehrt wie erwartet als Chef zum einst bewunderten Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) zurück – als Nachfolger des ausgemusterten Wolfgang Schellenberg. Jürgen Jung, der den Posten kommissarisch übernommen hatte, soll künftig Daniel Bierofka als Scout und Kaderplaner dienen. Und kurzfristig – Überraschung – soll der Cheftrainer auch noch Grünes Licht für einen sportlichen Berater erhalten haben. Dessen Name wird gehütet wie ein Staatsgeheimnis. Klubikone Benny Lauth galt lange als Favorit auf ein Manageramt, teilte aber gestern mit, dass die Spur zu ihm in die Irre führt – im Moment.
Von Ismaik hört man zur jüngsten Entwicklung: nichts. Kein Eintrag bei Facebook, keine seitenlange Erklärung über sein Pressebüro wie noch im Sommer. Das einzige Zitat, das von ihm im Umlauf ist, lautet sinngemäß: Ja, sie haben 50+1 angewendet. Es soll ihn getroffen haben, dass man sich nicht wenigstens auf eine Doppelspitze Scharold/Gerber geeinigt hat. Was das für die Zukunft des Binnenverhältnisses bedeutet, kann sich jeder ausmalen.