München – Über den Rückflug von Borussia Dortmund aus dem Wintertrainingslager in Marbella hört man Schauerliches. Wie bei einem Krankentransport ging es zu. In den hinteren Reihen des Fliegers saßen neun blasse, von einem Magen-Darm-Virus gezeichnete Profis, Quarantäne quasi, sie saßen weit weg vom gesunden Rest, um die Ansteckungsgefahr minimal zu halten. Neben den maladen beklagte Trainer Peter Stöger zudem zwei verletzte Spieler. Angesichts dieser verstörenden Häufung von Hiobsbotschaften war es für den BVB umso erbaulicher, dass sich einer, der sonst kaum eine körperliche Beeinträchtigung auslässt, ausnahmsweise mal bester Gesundheit erfreute: Mario Götze flog fit heim.
Löw will zur WM brutaler aussieben
Bei anderen wäre das nur eine Notiz, doch bei Götze ist es nun mal so, dass sich positive Meldungen über seinen Gesundheitsstatus auf einem verdammt kleinen Stapel Papier stapeln lassen. Vergangene Saison brachte er es nach seiner Rückkehr zum BVB auf gerade mal 14 Saisoneinsätze, wegen einer rätselhaften Stoffwechselerkrankung wurde er Monate aus dem Betrieb genommen. Im Sommer herrschte dann wieder einmal Aufbruchstimmung, doch sie hielt nicht lang. Im November verschwand Götze wieder im Lazarett. Nun startete er in Marbella den nächsten Anlauf zurück. Man kommt da kaum nach, mitzuzählen.
Trotzdem oder gerade deshalb ist Mario Götze auch 2018 noch immer eine der spannendsten Fußballpersonalien – deutschlandweit sowieso, aber womöglich sogar rund um den Globus, denn es ist ja ein WM-Jahr. Der Ruhm des Mario Götze basiert, das weiß jedes Kind auf dieser Welt, auf einer einzigen spektakulären Ballverwertung im Endspiel der Endrunde 2014 gegen Argentinien. Mit seinem Treffer des Abends in der 114. Minute wurde er bereits mit 22 zur Legende, und befeuert wurde das mit dem Satz von Joachim Löw bei der Einwechslung in der 88. Minute, von dem man heute schon gar nicht mehr weiß, ob er wirklich je so fiel: „Zeig der Welt, dass du besser bist als Messi!“ Argentinien-Star Lionel Messi ist heute, gut vier Jahre später, nicht einmal am Horizont von Götze auszumachen.
Löw weiß das natürlich auch, dennoch hat der Bundestrainer den Gestrauchelten zu den Länderspielen im Herbst eingeladen. Für Außenstehende kam die Nominierung leicht überraschend, doch Löw ist ja auch bekannt für seine Nibelungentreue bei verdienten Recken. Nur: Ist Mario Götze das, ein verdienter Recke? Wegen eines Tores, nur eines einzigen Tores, denn schon während der letzten WM war er ja umstritten? Der Bundestrainer hat zudem angekündigt, seine Auslese vor der WM in Russland brutaler als sonst zu gestalten. Götze muss fürchten, am Ende auf einer der Listen aufzutauchen, die die prominentesten Nicht-WM-Fahrer behandelt. Eine zweifelhafte Ehre.
Die Länderspiele im Herbst waren seine ersten im Dress der Nationalelf nach 364 Tagen DFB-Pause. In England saß er 90 Minuten draußen, gegen Frankreich kam er für die letzte halbe Stunde. Das reichte für eine Finte, die sich sogar im Ergebnis niederschlug. Erst sein Geniestreich ermöglichte Lars Stindl das späte 2:2. Bei der Analyse fanden sich nicht wenige, die sagten: So einen Geniestreich bringt nur Götze zustande.
Das Problem: Er müsste etwas dauerhafter zaubern. So wie früher als Jungprofi beim BVB, bevor er beim glücklosen Gastspiel beim FC Bayern aus der Bahn geriet. 63 Länderspiele hat er bis jetzt, das ist für einen 25-Jährigen eine stattliche Menge. Allerdings pendelte kaum ein deutscher Nationalspieler vor ihm derart zwischen den Extremen wie Mario Götze. Man schaut gespannt darauf, ob er 2018 endlich stabil wird. Dass er in Marbella fit in den Dortmunder Krankentransport gestiegen ist, sagt noch lange nichts darüber aus, ob bei ihm nun ein Höhenflug ansteht.