BIATHLON

„Laura schaut positiv nach vorn“

von Redaktion

Bundestrainer Hönig stellt sich vor seine Spitzenkraft Dahlmeier, deren jüngste Resultate er zu abwertend beurteilt sieht

München – Gerald Hönig, Bundestrainer der deutschen Biathletinnen, hat es derzeit nicht ganz leicht. Einerseits muss er mit seinen Skijägerinnen versuchen, bei den Heimweltcups dem deutschen Publikum die erhofften Spitzenergebnisse zu liefern. Auf der anderen Seite besteht seine Hauptaufgabe darin, sein Team so vorzubereiten, dass sich die Topform erst in einem Monat beim olympischen Saisonhöhepunkt in Südkorea entfaltet. Hinzu kommt, dass seine Paradeläuferin Laura Dahlmeier nach zweimaliger Erkrankung verständlicher noch nicht in Bestform ist. Von den Medien aber, so der Coach im Interview mit unserer Zeitung, würden ihre jüngsten Resultate „zu abwertend“ behandelt.

-Gerald Hönig, die Turbulenzen, die die Heim-Weltcups in Oberhof und Ruhpolding mit sich bringen, dürften Ihnen nicht gerade ins vorolympische Konzept passen. Wie gehen Sie damit um?

Im Grunde ist es jedes Jahr dasselbe – egal ob jetzt Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften vor der Tür stehen: Die Januar-Weltcups sind für uns am anstrengendsten. Neben den Wettkampfkilometern kommen da auf unsere Sportler immer auch noch andere Belastungen zu. Damit müssen wir leben. Was mir momentan aber auf der Seele brennt, ist, dass bei eigentlich nicht so schlechten Ergebnissen und guten Teilleistungen eine sehr kritische Berichterstattung einsetzt. Das macht es uns nicht unbedingt einfacher.

-Sie spielen auf die Rennen von Laura Dahlmeier in Oberhof an?

Ja. Man darf doch nicht vergessen, dass fünf Tage vor Oberhof nicht einmal feststand, ob Laura überhaupt würde teilnehmen können. Doch dann steht sie vom Krankenbett auf, läuft geschwächt die Rennen und ist auf Anhieb in der Lage, unter die Top 15 zu kommen. Im nächsten Rennen verbesserte sie sich vom 13. auf den 7. Platz und erzielt eine der besten Einzelzeiten. Man hat gesehen, wie viel Kraft sie da investieren muss, um eine solche Leistung zu bringen. Und es zeigt doch auch die Besonderheit einer Athletin, wenn sie nach einer Erkrankung sofort wieder in Richtung Weltspitze angreifen kann. Umso weniger kann ich verstehen, dass diese Resultate so abwertend behandelt wurden. Wenn man mir vor den Rennen in Oberhof zugehört hätte, dann hätte man mit den Ergebnissen anders umgehen können. Diese überzogene Kritik tut auch Laura nicht gut.

-Das Problem ist wohl, dass Laura Dahlmeier mit ihrer grandiosen WM vor einem Jahr in Hochfilzen enorme Erwartungen geweckt hat. Sind ihre in Tirol errungenen fünf Goldmedaillen ein realistischer Maßstab für Olympia?

Man muss sich schon fragen: Was kann man von Laura verlangen? Es wäre doch sehr vermessen zu glauben, dass in Pyeongchang erneut fünf Goldmedaillen rauskommen. Sicher, mit Laura haben wir eine Sportlerin, die wie kaum eine andere den Biathlonsport in seiner Komplexität beherrscht; sie ist eine ganz besondere Athletin. Es gibt aber derzeit auch drei, vier andere Konkurrentinnen, die das ähnlich können. Da gibt es eine Kaisa Mäkäräinen, eine Darya Domratschewa, eine Justine Braisaz, die sich unheimlich stark entwickelt hat. Und Anastasia Kuzmina präsentiert sich in dieser Saison in einer überragenden Form, sie ist momentan eine Klasse für sich. Diese Athletinnen haben auch den Vorteil, dass sie nicht ganz so dem Druck und der Erwartungshaltung ausgesetzt sind wie Laura.

-Auf was kommt es jetzt an, um Laura Dahlmeier wieder in Topform zu bringen?

Wir müssen nun die anstehenden Rennen nutzen, um den entsprechenden Formaufbau zu forcieren, um die mentale Stärke, die Wettkampfhärte weiterzuentwickeln, um am Schießstand die Stabilität unter Stresssituation zu festigen. Zugleich ist es wichtig, die Einsätze so zu dosieren, dass sie in keine Infektanfälligkeit mehr kommt, dass sie nicht noch einmal krankheitsbedingt ausfällt. Wenn uns das gelingt, kann Laura bei den Olympischen Spielen in jedem Rennen um die Medaillen mitlaufen.

-Wie war Ihr persönlicher Eindruck von Laura Dahlmeier in Oberhof? Wie hat Sie die Rennen weggesteckt?

Laura reift auch in den Phasen, in denen es nicht so läuft, in denen die Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit des Gewinnens nicht so da ist. Sie weiß ihre Situation nach einer Krankheit realistisch einzuschätzen. Sie beschäftigt sich nicht so sehr mit Negativerlebnissen, sondern schaut mehr positiv nach vorne. Ihre Selbsteinschätzung war voll und ganz richtig, als sie sagte: „Ich bin auf einem guten Weg, ich kann aber objektiv gesehen noch nicht hundert Prozent in Form sein.“

-Ein richtiges Negativerlebnis in Oberhof hatte Vanessa Hinz. Sie patzte in der Staffel. Mussten Sie sie wieder aufrichten?

Ja, natürlich. In solch einer Situation muss man versuchen, eine Athletin sofort wieder aufzubauen. Damit nicht groß Selbstzweifel aufkommen und man nicht plötzlich alles von einem Rennen abhängig macht, das nicht so gelaufen ist. Ich habe sehr schnell mit Vanessa gesprochen. Wir haben uns auf Ursachenforschung begeben. Ich habe sie aber auch darauf hingewiesen, dass sie in den vorhergegangenen sechs, sieben Staffelrennen auf der Startläuferposition immer eine Bank war. Man darf jetzt nicht gleich den Stab über Vanessa brechen. Sie hat ja in Oberhof auch ein tolles Verfolgungsrennen geliefert mit einer der besten Nettozeiten.

-Sie wird auch in Ruhpolding Startläuferin sein?

Das habe ich nicht gesagt. Wir haben sechs Mädels. Und wir müssen momentan in der Staffel durchwechseln. Ich bin sehr froh, dass wir diese Option haben. Und wir werden auch versuchen, jene Athletinnen, die in Oberhof nicht gelaufen sind, noch einmal in einem Staffelrennen zu sehen. Es kann noch niemand sagen, wie die Staffel in Südkorea aussehen wird.

-Aufwärtstrend zeigte In Oberhof Franziska Hildebrandt . . .

Die Verbesserung in der Laufleistung war eindeutig zu sehen. Gerade im Sprint, wo sie Vierte wurde. Da war sie seit langem wieder in der Lage, aus eigener Kraft aufs Podest zu laufen. Man hat aber auch gesehen, dass das Stehvermögen noch nicht ausreicht, um auf einer längeren Distanz in der fünften Runde das Ergebnis für sich positiv zu gestalten.

-Ein Sorgenkind dieses Winters war die hochbegabte Franziska Preuß. Nach Krankheit und Operation schien sie nicht recht Fuß fassen zu können. In der Staffel blieb sie nun als einzige fehlerfrei, lieferte endlich wieder eine starke Leistung. Wird sie bis zu den Winterspielen wieder topfit sein?

Bei der Vorgeschichte und dem Leidensweg haben sich viele gewünscht, dass es bei Franzi schneller geht. Aber man hat dann gesehen, dass es doch nicht so einfach ist, gleich wieder ganz vorne dabei zu sein. Das wäre auch ein kleines Wunder, wenn man nach solchen gesundheitlichen Problemen der Konkurrenz, die sich optimal vorbereiten konnte, gleich wieder um die Ohren läuft. Ich habe mich in Oberhof unheimlich gefreut, dass es Franzi gelungen ist, wieder etwas Positives vorzuweisen. Damit meine ich auch den zwölften Platz im Sprint. Das hilft ihr ungemein, auch von ihren Zweifeln wegzukommen. Das Staffel-Rennen war richtig wichtig für die Franzi.

-Aufsteigerin dieser Saison ist die Ex-Langläuferin Denise Herrmann. Zu Saisonbeginn gewann die Quereinsteigerin sogar zwei Rennen. Was ist ihr noch zuzutrauen?

Denise ist in der Gesamtwertung als Fünfte beste Deutsche – und das in ihrer ersten Weltcup-Saison. Ich freue mich immer, wenn sehr gute, faire, beherrschbare Bedingungen herrschen. Dann kann Denise ihr Potenzial voll abrufen. Schwieriger wird es für sie, wenn Situationen kommen, wo Erfahrungen und Routine eine Rolle spielen. Aber auch da gelingt es ihr immer besser, sich darauf einzustellen. Das hat man auch im Oberhofer Staffelrennen gesehen. Wir wissen sehr gut: Wenn es ein guter Tag ist und sie alles zusammenbringt, dann kann Denise ganz vorne reinkommen.

-Was erwarten Sie sich von Ihren Biathletinnen in Ruhpolding?

Wir befinden uns auf einem guten Weg, Ich glaube, dass wir uns gut verkaufen werden. Aber ich rechne auch mit einer noch größeren Leistungsdichte als in den letzten Rennen. Denn in Ruhpolding sind die Verhältnisse am Schießstand leichter zu beherrschen. Wir wissen seit Jahren, dass hier mit die besten Schießergebnisse erzielt werden. Unser Ziel ist es, in jedem Rennen um den Sieg mitzukämpfen. Wenn uns das gelingt, können wir sehr zufrieden sein.

Das Interview führte Armin Gibis

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