Löwen-Spitze setzt neuen Boss durch

Ohne Ismaiks Segen

von Redaktion

Ein neues Jahr ist ja auch immer eine Chance, um bestehende Verhältnisse neu zu ordnen. Menschen geben sich Mühe, nett zu sein, negative Erfahrungen ruhen zu lassen, die Blicke nach vorne zu richten. Neustart nennt man so etwas gemeinhin. Beim TSV 1860, dem ewigen Tumult- und Streitverein, sieht so ein Neuanfang wie folgt aus: Die in gegenseitiger Verachtung verbundenen Gesellschafter treffen sich nicht persönlich, sondern per Telefonkonferenz. Sie tagen einen ganzen Montag lang, diskutieren, streiten, wühlen in der Vergangenheit – und präsentieren dann eine Lösung, die nicht als Beziehungskitt taugt, sondern als zusätzlicher Sprengsatz. Mit anderen Worten: Durch die Ernennung eines Geschäftsführers mit Hilfe der 50+1-Regel ist klar, dass im neuen Jahr fortgeführt wird, was im alten seinen Anfang genommen hat: Hier treibt der e.V. seine Emanzipation voran, dort blitzt Ismaik auf breiter Front ab. Ein Miteinander ist so weit entfernt wie Erstligaspiele oder der Bau eines eigenen Stadions.

Dabei hatten diesmal beide Parteien Männer in den Ring geschoben, die vieles von dem mitbringen, was ein Löwen-Boss haben sollte. Michael Scharold, 37, der sich durchgesetzt hat, steht für Bodenständigkeit, Kontinuität, eine Politik der kleinen Schritte. Aber auch Franz Gerber, Favorit der Ismaik-Seite, wäre eine Lösung mit Charme gewesen: Erfahrener Mann (64 Jahre alt), mit allen Wassern gewaschen, einer mit Stallgeruch (Erstliga-Aufstieg mit Sechzig 1979) und vorzeigbaren Meriten (Urvater der Regensburger Erfolgsgeschichte). Beide Kandidaturen trugen dem Umstand Rechnung, dass die Löwen nicht mehr für Profifußball stehen, sondern sich als tief gefallener Traditionsklub in einer kleineren Welt behaupten müssen. Und trotzdem: Am Ende sahen sich die e.V.-Vertreter im paritätisch besetzten Beirat gezwungen, die 50+1-Karte auszuspielen, um die Handlungsfähigkeit zu wahren (Stichwort Wintertransfers) und nicht die nächste Vorbereitung mit quälenden Personaldebatten zu belasten.

Für Scharold sprach am Ende, dass er sich sieben Jahre bei Schalke bewährt hat, einem ähnlich komplizierten Klub, dass er Fausers Weg der Konsolidierung fortführen will – und vor allem: Dass er einen Fünfjahresplan vorgelegt hat, der von Realitätssinn zeugt (3./4. Liga) und neue Darlehen bei einem unberechenbaren Partner wie Ismaik ausschließt. Speziell in diesem Punkt zeigt sich, wohin die Reise bei 1860 gehen soll. Der Kooperationsvertrag hat zwar weiterhin Bestand, für den jordanischen Partner gilt jedoch in der Praxis: Irgendwie noch dabei, bis auf Weiteres aber nicht mehr mittendrin.

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