FC BAYERN

Bloß keine Kopfstände!

von Redaktion

VON HANNA RAIF UND ANDREAS WERNER

München – Anfang der Woche hat sich Jupp Heynckes müde gefühlt. Jetlag nach der Rückkehr vom Trainingslager in Doha, an und für sich eine normale Sache. Er aber habe sich gefragt: Ist das jetzt das Alter?, erzählte er gestern. Er recherchierte unter den Spielern und im Reisetross. Die Antwort: Alle sind etwas geschlaucht. Auch die Jüngeren. Keine Frage des Alters.

Der Selfie-König von Doha, sogar mit Baby

Aber hat er sich tatsächlich Sorgen gemacht, er, der fitteste 72-Jährige der Republik? In Katar bestach der Trainer des FC Bayern einmal mehr durch Leidenschaft und Akribie. Das Training verfolgte er wie früher als Supervisor, alle Aufgaben hat er an Spezialisten delegiert, und wenn man ihn so sah, wie er immer wieder Spieler zu Einzelgesprächen zu sich winkte, wurden Erinnerungen an den Winter 2013 wach. Ein paar Monate später feierte man das Triple.

Würde Heynckes fuchsig, wenn er liest, dass mal wieder einer vom Triple schwadroniert? Nein. Er mag das zwar nicht, seine Definition einer erfolgreichen Saison ist Meistertitel und Einzug ins Halbfinale der Champions League. Aber er ruht in sich. Oft ist das eine Floskel. Nicht hier.

In Katar bestach Heynckes nicht nur als die Kopie des Strategen von 2013 auf dem Platz. Sondern auch durch eine Lockerheit, die Pep Guardiola nie erreichen wird und Carlo Ancelotti merkwürdig paralysiert hat. Heynckes erfüllte alle Autogrammwünsche und war der Selfie-König. Am letzten Tag drückte ihm ein Katari sein Baby in die Hand, für ein Foto. Heynckes posierte mit dem Knirps routiniert und reichte ihn zurück. Ihm vertraut man alles an. Selbst teuerste Schätze.

Der FC Bayern würde diesem 72-Jährigen seinen sündhaft teuren Kader liebend gerne länger anvertrauen als nur bis zum Sommer, das ist bekannt. Man brauche ihn dazu nicht mehr zu fragen, sagte Heynckes gestern, doch auch da war er nicht genervt. „Sie werden mir nichts entlocken, und wenn Sie da Kopfstände oder Gymnastikübungen machen“, sagte er, hielt kurz inne, blickte in die Runde und meinte: „Wobei, das wäre gar nicht schlecht – dann könnte ich Sie auch mal korrigieren wie sonst meine Spieler.“ Der Mann ist gut drauf.

„Man sieht ihm den Spaß an. Die Stimmung im Verein könnte nicht besser sein“, sagte Thomas Müller zu „Eurosport“. Es werde emotional werden im Laufe der Rückrunde, so der Kapitän, „und ein Mensch lässt bei seinen Entscheidungen Emotionen mit einfließen“. Es wird der Tag kommen, an dem Heynckes nicht mehr entfliehen kann, das ist noch sicherer als Bayerns sechster Meistertitel in Serie. Irgendwann, unkt Müller, „wird Uli Hoeneß irgendwas mobilisieren“. Man kann davon ausgehen: Nicht nur irgendwas. Sondern alles.

Sie wissen einfach, was sie an ihm haben. Schon lange. Eine Anekdote dazu: Als die Münchner nach dem „Finale dahoam“ nach einem dringend nötigen Stabilisator für das zentrale Mittelfeld suchten, brachte Heynckes Javi Martinez ins Spiel. Er nahm ihn aber auch gleich wieder raus. „Zu teuer“, sagte er. Bilbao rief 40 Millionen Euro auf – für Bayern damals eine unvorstellbare Summe. Es wird lange dauern, einen ambitionierten Coach zu finden, der so wirtschaftlich denkt, dass er den Finanzen sogar seinen eigenen Erfolg opfert. Auch deshalb kauften die Bosse ihm damals Martinez. Weil Heynckes den Preis zu schätzen weiß. Und zurückzahlt.

„Herr Dr. Stoiber, der darf das“

In dieser Woche gab es erneut prominente Namen, die sich dafür aussprachen, dass sich Heynckes im Sommer nicht auf seinen geliebten Bauernhof in Schwalmtal zurückzieht. Edmund Stoiber zum Beispiel. Er schätze den ehemaligen Landesvater, sagte der Coach gestern, erst bei der Weihnachtsfeier der Bayern habe man sich unterhalten. Solche Aussagen ärgern ihn nicht, so Heynckes, und überhaupt: „Herr Dr. Stoiber, der darf das.“ Manchmal lächelt er so verschmitzt wie ein Lausbub nach einem Streich.

Vorrangig ist er aber freilich ernst. Zur Pressekonferenz kommt er eine Minute vor der Zeit, und bestens vorbereitet ist er auch: Wann habe der FC Bayern das letzte Mal in Leverkusen gewonnen, fragt er in die Runde. „Und wer war der Trainer?“ Seit dem 2:1 im März 2013 haben die Münchner nicht mehr dort gewonnen. Das Kommando führte: Heynckes. Er grinst schon wieder wie ein Lausbub. „Ich darf nicht überheblich werden“, gluckst er dann schalkhaft. Es lief vermutlich nie ein Bayern-Trainer so wenig in Gefahr, überheblich zu werden wie Josef „Jupp“ Heynckes, wegen dem man bloß keine Kopfstände machen soll.

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