Leverkusen – Arbeiter fegen zwischen den Schalensitzen, künstliches Licht bestrahlt den Rasen: Draußen laufen in der BayArena die Vorbereitungen, drinnen redet Sportchef Rudi Völler (57) über den Rückrunden-Start Bayer Leverkusen gegen den FC Bayern und die Lage der Liga.
-Herr Völler, auch in der Winterpause waren die Unsummen auf dem Transfermarkt ein vorherrschendes Thema. Wie sehen Sie diese ganze Entwicklung?
Natürlich sind diese Ablösen und Gehälter nur schwer zu verstehen, jeder fragt sich immer wieder, wo das alles noch hinführen soll. Andererseits spiegelt es den Markt wider, weil durch Sponsoren oder TV-Rechte mehr eingenommen wird. Philipp Coutinho für 160 Millionen Euro zu Barcelona oder Virgil van Dijk für 80 Millionen zu Manchester United wären vor zwei Jahren noch für die Hälfte gewechselt, und jeder hätte das auch für zu viel gehalten.
-Wie groß ist die Sorge, dass sich etwa der Werksarbeiter bei Bayer wegen der Fantasiesummen vom Profifußball abwendet?
Dieselbe Frage habe ich vor fünf, zehn, 15 Jahren schon gehört. Natürlich leben wir in einer Traumwelt, natürlich hat das alles Formen angenommen, die vor fünf oder zehn Jahren nicht vorstellbar schienen. Man kannte diese Dimensionen nur aus den USA, von Michael Jordan aus der NBA oder Tiger Woods vom Golf. Jetzt ist der europäische Fußball damit konfrontiert. Trotzdem sorgen die Lizenzierungsbestimmungen der Bundesliga dafür, dass die Vereine nur ausgeben, was sie einnehmen. Schwarze Schafe gibt es so gut wie keine mehr.
-Über allem thront der FC Bayern. Ist der fehlende Meisterschaftskampf eine Gefahr für die Liga?
Das hängt mit der wirtschaftlichen Dominanz der Bayern zusammen – zur Jahrtausendwende haben wir hier wahrscheinlich noch die beste Leverkusener Mannschaft aller Zeiten beschäftigen können. Mit Lucio, Dimitar Berbatov oder einem Michael Ballack waren wir am Gehaltsgefüge der Bayern nahe dran. Mittlerweile liegen Welten dazwischen. Die Münchner sind auch die Einzigen, die keinen Spieler verkaufen müssen, wenn sie nicht wollen. Aber schauen wir in die Topligen Europas: In Spanien ist Barcelona enteilt, in Frankreich liegt Paris weit vorn und in England Manchester City. So ungewöhnlich ist unsere Tabelle nun auch wieder nicht.
-Wer hätte das Potenzial, Bayern auf Sicht echte Konkurrenz zu machen?
Bis vor ein paar Monaten sah es ja so aus, als könne Dortmund diese Rolle bekleiden. Sie sind für mich der gefühlte Zweite. Leipzig hat es schneller geschafft, als viele dachten, aber auch sie merken, wie dünn die Luft oben wird.
-Wie haben Sie reagiert, als Bayern Jupp Heynckes reaktiviert hat?
Ich habe ihn vor einem Jahr vor unserem Champions League-Achtelfinale gegen Atletico Madrid per SMS eingeladen: Er kam damals mit seiner Frau zu Besuch, was etwas Besonderes war, weil er sich ja zurückgezogen hatte. Die Bayern waren der einzige Klub, bei dem Jupp schwach werden konnte. Sonderfall.
-Beweist ein 72-Jähriger auch, dass der Hype um die neue Trainer-Generation etwas verfrüht ist?
Ich möchte der jungen Trainergeneration die Qualitäten in der Menschenführung nicht absprechen, aber Jupp und sein Co-Trainer Peter Hermann, der auch lange bei uns gearbeitet hat, wissen eben, was sie zu tun haben. Peter ist eine ganz wichtige Person. Er hat sich in der Vorrunde übrigens oft bei uns gemeldet, um noch zu einem Bundesligaspiel vorbeizuschauen – er wohnt nur zehn Minuten entfernt.
-Wo steht ihr Trainer? Altersmäßig liegt Heiko Herrlich mit seinen 46 Jahren zwischen einem Julian Nagelsmann (Hoffenheim) und Jupp Heynckes.
Er hat großen Anteil, dass wir stabiler geworden sind. Die Gier nach Erfolgen ist ihm anzumerken. Aber ich möchte nicht viel über junge oder alte Trainer sprechen: Mein wichtigstes Kriterium ist stets, dass das gesamte Team einzelne Spieler besser macht.
-Was erwarten Sie gegen den FC Bayern?
Ich bin überzeugt, dass wir Bayern einen offenen Schlagabtausch liefern werden. Wenn sie nicht alles abrufen, haben wir eine Chance, aber auch eine Niederlage würde uns nicht umwerfen.
-Die Jungstars von heute bekommen sehr viel mehr Geld als Sie früher, können aber nicht mehr abends um die Häuser ziehen wie Sie das gerne mal in Bremen getan haben.
(lacht) Darum beneide ich die Spieler von heute nicht! Meine Generation hat weniger verdient, aber ich möchte nicht tauschen. Mich kannte damals in Bremen jeder, aber ich habe nie das Gefühl gehabt, ich werde irgendwo abgefilmt. Heutzutage steht ein Profi permanent unter Beobachtung. Und manch einer übertreibt es sogar selbst, wenn er andauernd online ist.
-Ist die heutige Spielergeneration ansonsten professioneller als früher?
Ich glaube schon, weil die Fitness eine noch größere Rolle spielt. Wer seinen Körper als sein Kapital nicht so pflegt, wie es sich gehört, der kann sich nicht mehr durchschlängeln. Einige Ehemalige hätten mit ihrem unsteten Leben von damals heute null Chance.
-Wie viele graue Haare hat Ihnen der Videobeweis gemacht?
Schauen Sie mich an! (zeigt auf seine Haare und lacht). Spaß beiseite: Ich war am Anfang positiv neugierig. Problematisch ist, dass ungerechte Entscheidungen noch ungerechter werden, wenn der Videoassistent falsch entscheidet. Vorher konnten wir uns damit trösten: Das Spiel ist so schnell. Wenn aber der Videoassistent was nicht sieht, ist das schwer zu verzeihen. Ich verfolge die italienische Liga intensiv: Dort gibt es dieselbe Diskussion. Es gab Wochenenden, da waren alle happy, danach wieder fühlten sich drei Klubs verschaukelt. Das werden wir nicht mehr richtig austarieren können.
-Fast die Hälfte der Profis plädierten in einer „kicker“-Umfrage für das Abschaffen des Videobeweises. Wie ist Ihre Haltung?
Ich bin weiter skeptisch. Für den Fernsehzuschauer mag es nicht so schlimm sein, aber für den Stadionbesucher ist es furchtbar. Das Warten nach einem Tor ist ein Stimmungskiller. Wir haben den Videobeweis, die Italiener haben ihn, im Sommer folgen die Spanier und die Franzosen, irgendwann auch die Engländer. Der Videobeweis erscheint mir nicht mehr umkehrbar. Jetzt müssen wir uns wohl damit arrangieren.
-Ist die Zeit wirklich reif, ihn bei der WM Russland beim wichtigsten Fußball-Ereignis einzusetzen?
Vermutlich wird es so kommen. Möglicherweise werden 60, 80 Prozent richtige Entscheidungen getroffen. Aber es wird Momente geben, in denen die Welt sich fragt: Wie konnte der Videoassistent das nur so sehen? Den Aufschrei höre ich schon heute.
Interview: Frank Hellmann