München – Mit das Erste, was die 1860-Fans 2006 von Günther Gorenzel zu hören bekamen, war: ein schriller Pfiff. Das passte zu dem Ruf, der dem langjährigen Assistenten von Walter Schachner vorausgeeilt war. Der Magister der Sportwissenschaften galt als Konditionstrainer im Wortsinne; als Schleifer, der bei einer früheren Station einen „Quälhügel“ errichtet hatte. „Ein toller Mann“, schwärmte Schachner damals, als er seinen Vertrauten mit nach München brachte – und noch nicht ahnen konnte, dass ihn sein treuer Helfer bei 1860 überleben würde.
Zu sagen, Gorenzel hätte richtig Karriere gemacht, wäre übertrieben. Aber: Der Mann, über den jetzt wieder alle reden, hat die Löwen zumindest noch aus einigen anderen Perspektiven kennengelernt. Gorenzel, 46, war auch noch Co-Trainer unter Marco Kurz, dem er diente wie anfangs Schachner (auch noch in Kaiserslautern und Hoffenheim). Später kehrte er als U 17-Coach nach Giesing zurück, brachte es bis zum Jugend-Cheftrainer – und soll nun ein drittes Mal Löwe werden, nachdem er weder beim Kärntner Fußballverband glücklich wurde noch als Chefcoach des Zweitligisten Blau-Weiß Linz (zwei Siege in 15 Spielen).
Der neue Geschäftsführer Michael Scharold mauerte am Mittwoch noch, als er auf Gorenzel angesprochen wurde: „Noch ist nichts fixiert.“ Daniel Bierofka jedoch plauderte ungeniert drauflos. „Er soll kein klassischer Sportdirektor sein, sondern überall mithelfen, auch beim Nachwuchs“, sagte der Cheftrainer über Gorenzel, den er noch als Profi erlebt hatte. Fachlich sei der Steirer top, legte sich Bierofka fest. Er habe viele Kontakte, arbeite strukturiert: „Da haben wir eine richtig gute Lösung gefunden.“
Den wissenschaftlichen Anspruch des Sporthochschul-Absolventen bekamen die 1860-Profis um Daniel Baier und Matthias Lehmann auch 2006 zu spüren: Gummibänder, Hopserlauf, zackige Kommandos („Rotation!“) – das volle Programm. Er selber jedoch wehrte sich gegen den Verdacht, sein beachtliches theoretisches Wissen zum Selbstzweck zu erheben. „Ich sehe mich als Helfer der Spieler“, sagte er: „Mit schleifen oder quälen hat das nichts zu tun.“ Und siehe da: Es gibt auch noch andere Stimmen im Verein, die nicht nur Gorenzels Wandervogel-Vita sehen (13 Stationen), sondern von Effekten berichten, die auf ein wertvolles Wirken im Hintergrund schließen lassen. „Als er im April 2016 aus persönlichen Gründen nach Kärnten wollte, ist es rapide abwärts gegangen mit unserer U 19“, berichtet ein Insider. Kurz zuvor hatte der älteste Löwen-Nachwuchs die Halbfinal-Spiele um die Deutsche Meisterschaft erreicht (gegen Dortmund) – mit einem engagierten „Supervisor“ Gorenzel an der Seitenlinie.
Doch wie kommt es überhaupt, dass sich die Löwen plötzlich anschicken, einen Sportlichen Leiter einzustellen? Lange hieß es ja, dazu bestehe weder Anlass, noch seien die nötigen finanziellen Mittel vorhanden. Zumindest zu diesem Thema machte Scharold eine Andeutung. „Manchmal tun sich Erlöse auf, ein Kostenblock wird durch einen anderen ersetzt“, sagte er. Scharold sieht es so: „Wir brauchen sportliche Strukturen – und sind schon recht weit in der Umsetzung.“
Der Wiederanpfiff für Gorenzel – er scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein.