Socken, Mützen, Weltpolitik

von Redaktion

Die ersten deutschen Olympia-Teilnehmer kleiden sich in München für die Winterspiele in Pyeongchang ein

von marc beyer

München – Spitzensportler verhalten sich beim Shoppen auch nicht anders als ganz normale Menschen. Sie prüfen und probieren an, packen ihren Wagen voll bis an den Rand und freuen sich am Ende, ein paar richtig schöne Stücke ergattert zu haben. In wichtigen Punkten unterscheiden sich die deutschen Olympia-Teilnehmer, die gestern im Münchner Postpalast zur Einkleidung antraten, aber natürlich sehr wohl vom Durchschnittskonsumenten. Sie müssen zum Beispiel für ihre Pudelmütze und die silberne Daunenjacke nichts bezahlen. Dafür steckten an ihren Einkaufswagen Kameras, die die Aktivitäten an den einzelnen Ständen und Regalen in allen Einzelheiten aufnahmen.

Gestern war der erste von vier Terminen, an denen die Reisegruppe für Pyeongchang ihre Schuhe, Socken und Trainingsjacken erhält. „Da fiebern wir schon lange drauf hin“, gestand die Eisschnellläuferin Roxanne Dufter, die in der Team-Verfolgung eine Medaille anstrebt. „Man freut sich schon immer: Das zieht man zum Reisen an, das zum Einmarschieren.“ Weil alles seine Ordnung haben muss, war zwar vorher ein blaues Formular auszufüllen, auf dem jedes einzelne Ausrüstungsstück exakt aufgelistet und abzuhaken war. Aber dafür bekam man am Ende nicht nur viele schöne Teile, sondern auch einen ideellen Mehrwert. „Man beginnt zu spüren, dass man jetzt zu einem Team gehört“, berichtete Rodel-Doppelsitzer Sascha Benecken. Auf der Brust seiner roten Jacke leuchtete ein silbernes D für Deutschland.

Die olympische Bewegung hat schon bessere Tage erlebt, aber je näher die Spiele rücken, desto mehr entfaltet sich selbst in diesen heiklen Zeiten, wo über Doping, Korruption und globale Konflikte mehr gesprochen wird als über Medaillen und Rekorde, die Sogwirkung der Wettbewerbe. Dankbar nahm DOSB-Präsident Alfons Hörmann die Vorlage Nordkoreas auf, das nach langem Säbelrasseln nun doch Athleten von Pjöngjang nach Pyeongchang entsenden will: „Der Sport kann einmal mehr Grenzen überwinden und Brücken bauen.“

An salbungsvollen Botschaften hat es Sportfunktionären noch nie gemangelt, aber in diesem Fall mischt sich in das übliche Pathos die nachvollziehbare Erleichterung darüber, dass Olympia nicht komplett von den dunklen Wolken der Weltpolitik überschattet wird. Hörmann mag zwar „nicht in den Sorglos- oder Wellness-Modus schalten“, verweist aber gerne auf die Stunden zuvor eingetroffene Nachricht, dass Nord- und Südkoreaner am 20. Januar zu einem Gipfeltreffen in die IOC-Zentrale nach Lausanne reisen wollen: „Zwei Nationen, die in nachbarschaftlicher Eiszeit nicht miteinander gesprochen haben, kommen über den Sport wieder an einen Tisch.“

Auf Athletenebene geht man mit diesem komplexen Thema vorsichtiger um. Eine typische Antwort auf Fragen zu Nordkorea klingt so wie bei Eiskunstläuferin Aljona Savchenko, die entgegnet, sie kenne sich auf diesem Gebiet nicht aus und wolle sich „nicht mit politischen Fragen befassen“. Das Politischste, was für die Sportler gestern zählte, war der Gedanke, wer bei der Eröffnungsfeier am 9. Februar die deutsche Fahne tragen wird. Eisschnellläuferin Claudia Pechstein ist nicht nur für Rodler Tobias Wendl („Keine Ahnung, das wievielte Mal sie schon dabei ist“) eine logische Kandidatin. Auch die Berlinerin selbst, die zu ihren siebten Olympischen Spielen reist, reagierte auf entsprechende Fragen aufgeschlossen: „Das wäre Motivation pur für mich.“ Mit schönem Gruß an den DOSB.

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