Ruhpolding – Johannes Thingnes Bö machte ein Gesicht, als befände er sich auf einer Beerdigung. Dabei war er Dritter geworden im Einzel, sein zehnter Podestplatz im elften Saisonrennen. Doch was ihm sichtlich zu schaffen machte bei der Pressekonferenz, war die Frage nach dem für ihn offenbar Unfassbaren. Die Frage nach dem voraussichtlichen Olympia-Aus von Ole Einar Björndalen. Es war Bö, Norwegens derzeit bestem Biathleten, anzumerken, dass er am liebsten gar nichts dazu gesagt hätte. Und so gab er auch keine wirkliche Antwort, sondern leistete mehr eine Sympathiebekundung. „Ole war zwanzig Jahre lang fast immer die Nummer eins des Biathlonsports“, sagte Bö mit leiser Stimme, „ich hoffe, dass er es doch noch zu den Olympischen Spielen schafft.“ Der 24-Jährige fügte kameradschaftlicherweise hinzu: „Das hoffe ich auch für meine Teamgefährten.“
Nach dem Ruhpoldinger Einzelrennen spricht jedenfalls so gut wie alles dafür, dass der 43-jährige Björndalen im internen Konkurrenzkampf erstmals den Jüngeren den Vortritt lassen muss. Dass sich seine einzigartige Karriere also vor ihrem unmittelbaren Ende befindet. Mindestens Sechster hätte er werden müssen, um sich die Qualifikation für die Winterspiele in Südkorea zu sichern. Als 42. kam er am Mittwoch ins Ziel. Mit ausdrucksloser, müder Miene. Ob das nun das Ende seiner olympischen Träume sei, wurde er gefragt. Seine Stirn runzelte sich, Björndalen meinte: „Es macht keinen Sinn, zu den Olympischen Spielen zu fahren, wenn man nicht die Form hat.“ Alles andere könnten die Trainer beantworten.
Nach Lage der Dinge wird Per Arne Botnan, Norwegens Sportchef, eine unsentimentale Entscheidung treffen: „Es gibt auch für Ole keinen Freifahrtschein“, hatte er schon vor dem Ruhpoldinger Weltcup gesagt. Kommende Woche wird das Aufgebot bekannt gegeben. Björndalen hat nur zwei kümmerliche 18. Plätze als beste Saisonresultate zu Buche stehen. Nur ein Gnadenakt könnte ihm die Nominierung noch bescheren. Im Kreise norwegischer Journalisten sagte Johannes Thingnes Bö: „Es ist traurig.“
In Norwegen hat Björndalen ja längst den Status eines Volkshelden, der weit über den Biathlonsport hinausragt. Seine Erfolgsserie begann anno 1993 in Ruhpolding mit drei Goldmedaillen bei der Junioren-WM. Es war Johannes Thingnes Bös Geburtsjahr. 1994 bestritt Björndalen in Lillehammer seine ersten von sechs Olympischen Spielen. 1996 errang er seinen ersten von sage und schreibe 94 Weltcupsiegen. Damit ist Björndalen – auch disziplinenübergreifend gesehen – der Weltrekordhalter. Mit acht Mal Gold ist er erfolgreichster Winterolympionike. Unangefochten sind auch seine 20 WM-Titel.
Die Medien verliehen ihm einst den Spitznamen „der Kannibale“. So unersättlich schien sein Erfolgshunger zu sein. Dabei war Björndalen stets ein milder, auch bei der Konkurrenz in hoher Gunst stehender Dominator seines Metiers. Und es waren nicht nur die Titel und Medaillen, die ihn antrieben. Er machte weiter und immer weiter, weil er seinen Sport liebte. Innig schwärmte er vom morgendlichen Training in der Wintersonne, die ausdauernde Bewegung war stets sein Lebenselexir.
Somit brach Björndalen, der in zwei Wochen 44 wird, auch alle Altersrekorde. Als 40-Jähriger holte er noch Olympiagold. Als 43-Jähriger errang er Februar WM-Bronze im Sprint. Björndalen schien auch die Gesetze der menschlichen Natur außer Kraft zu setzen. Doch nun ist der grandiose Norweger an seiner persönlichen Altersgrenze angelangt. Gut möglich, dass das Einzel-Rennen in Ruhpolding sein letztes überhaupt gewesen ist.
Olympia dürfte Björndalen nur als Begleiter seiner Lebensgefährtin Darja Domratschewa, eine der weltbesten Biathletinnen, miterleben. Vor gut einem Jahr wurde die gemeinsame Tochter Xenia geboren. Ole wird in Pyeongchang eine – zu Olympiazeiten – für ihn neue Rolle vorbehalten sein: die des treusorgenden Papas. Armin Gibis