Die Buchverlage haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Die Olympischen Winterspiele werden ein Fest sein! Die deutschen Rodler, Skifahrer, Biathleten, Springer, Kombinierer, Eisschnellläufer werden abräumen, und obwohl die Wettbewerbe in Pyeongchang zu einer für die mitteleuropäischen Zuschauer ungünstigen nächtlichen Sendezeit laufen, wird sich das Publikum begeistern. Und seine freudige Emotionslage über die 16 Olympia-Tage hinaus konservieren wollen – mit dem Kauf eines Olympiabuchs.
Vier Titel sind angekündigt, sie heißen „Olympia 2018: Stars und Spiele“ oder „Winterspiele 2018: Die Chronik – mit den schönsten Bildern aus Pyeongchang“, und alle sollen sie Anfang März in den Buchläden sein, nur wenige Tage nach der Schlussfeier (25. Februar). Die Redaktionen haben Routine darin, diese Schnellschüsse nicht als solche aussehen zu lassen. Und Olympia-Bücher sollen ja auch Jahre später noch dazu taugen, mit ihnen auf Weißt-du-noch-damals-Reise zu gehen.
Jedoch: Nachschlagewerke, die unumstößliche historische Wahrheiten verkünden, sind sie nicht mehr. Mittlerweile kann es auch passieren, dass nach knapp einem Jahrzehnt Resultate sich verändern. Dopingproben werden aufbewahrt und nachanalysiert, dank des wissenschaftlichen Fortschritts kann man erkennen, was Jahre zuvor noch verschleiert war. Das Jahr 2017 hat neue Sieger- und Platziertenlisten für die Olympischen Sommerspiele in Peking 2008 hervorgebracht. 53 der 953 Medaillen, so rechnete die Süddeutsche Zeitung aus, mussten neu vergeben werden, das sind mehr als fünf Prozent und bedeutet, dass jeder 19. Medaillengewinner auf betrügerische Weise den Weg aufs Podest gefunden hat. Zu London 2012 gab es bereits 35 Korrekturen, und es ist davon auszugehen, dass die Testlabors weitere Athleten überführen. 18 Olympiasieger von 2008 und 2012 sind keine mehr.
Weltrekord: 13 Mal eine neue Platzierung
Dass es diese Testverfahren gibt, dass sie angewendet und dass die Sportler überführt werden, die sich nicht an die Regeln gehalten haben, findet allgemeine Anerkennung. Auch gibt es keinen Zweifel daran, dass die Medaillen dann der- und demjenigen zugeführt werden sollen, der sie verdient hat. Dennoch: Wie stellt man es an – und kann es den zunächst betrogenen Sportler entschädigen?
Jared Tallent aus Australien hält die Im-Nachhinein-Disqualifikationen von Dopern für einen „Sieg für den sauberen Sport, der Gerechtigkeit wird damit Genüge getan“. Aber er spricht auch vom Gefühl der Leere, mit dem man sich auseinandersetzen muss: „Du erlebst es halt nicht, wie für dich die Flagge hochgezogen wird. Alles was einem Olympiasieger zusteht, wird dir genommen.“
Tallent ist ein Mehrfach-Opfer von Konkurrenten, die betrogen haben. Der Geher wurde 2008 in Peking Zweiter – vor ihm lag der Italiener Alex Schwazer, der bei Nachtests erwischt und für vier Jahre gesperrt wurde. Bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2011 in Daegu/Südkorea wurde Jared Tallent Dritter – die zwei Russen, die vor ihm ankamen, wurden später der Einnahme verbotener Substanzen überführt. Schließlich London 2012: Sergej Kirdjapin aus Russland gewann zunächst Gold; vier Jahre darauf war er es aus den üblichen Gründen wieder los. Im März 2016 beschloss der Internationale Sportgerichtshof CAS, dass Tallents Silbermedaille in eine goldene umzuwandeln sei.
Gold 2012 wurde Jared Tallent schließlich 2016 überreicht, in Melbourne vom australischen IOC-Vizepräsidenten John Coates. „Somit kann ich in Rio als Olympiasieger an den Start gehen“, war Tallent halbwegs zufrieden. Um auf seine besondere Situation als mehrmals Benachteiligter aufmerksam zu machen, veranstaltete er eine Zeremonie bei sich im Garten. Er schlüpfte in die offizielle Teamkleidung Australiens, ließ die Flagge aufziehen, Freunde von ihm bildeten das Publikum und beteiligten sich daran, eine Medaillenübergabe zu inszenieren, wie sie 2011 in Daegu hätte sein sollen: mit Einmarsch, Glückwünschen, Plakette umhängen und Hymne nachstellen. Jared Tallent winkte selbstironisch in eine imaginäre Stadionmenge – und verbreitete den Clip über die sozialen Netzwerke.
Tallent fand jedoch auch, „dass ich einer der Glücklicheren bin“. Denn bei ihm war es ja so, dass er immer mit auf dem Siegespodest stand. Nur eben ein, zwei Stufen zu tief. Doch grundsätzlich hatte er das erhebende Gefühl, geehrt zu werden.
Weltrekordlerin im Nicht-angemessen-geehrt-werden ist die deutsche Kugelstoßerin Nadine Kleinert. „Dreizehn Mal wurde ich hochgestuft“, erzählt sie. Vor fast fünf Jahren hat sie mit Leistungssport aufgehört – immer noch kann ein weiteres Upgrade dazukommen. Beispiel: Bei der EM 2010 war sie Siebte, könnte aber im Nachgang hochrücken bis auf den Silberplatz. Der Internationale Leichtathletik-Verband IAAF, so sagte sie in einem Interview mit „Zeit online“, komme „mit dem Umverteilen der Medaillen gar nicht mehr nach. Manchmal müssen sogar Athletinnen ihre Medaille, die sie nachträglich erhielten, später wieder abgeben. Weil sie selbst erwischt wurden.“
Ihren ersten großen Medaillenwirrwarr erlebte sie bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen. Gewonnen hatte sie Bronze, diese Medaille war ihr überreicht worden. Doch noch während die Spiele liefen, wurde die Siegerin des Dopings überführt. Nadine Kleinert gab dem IOC ihr Bronzestück zurück, aber reiste auch ohne die ihr zustehende Silbermedaille nach Hause, weil die ursprüngliche Gewinnerin ihr Gold nicht rausrückte. Kleinert bekam Silber erst im Januar 2005 auf dem Neujahrsempfang des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland in Frankfurt ausgehändigt – die Anreise musste sie selbst bezahlen. Ein andermal (neue Medaille aus der Hallen-EM 2004) wurde ihr der richtige Gewinn per Post als Päckchen zugestellt. „Unwürdig und lieblos“, nannte sie diese Prozedur.
Das IOC hat bislang Medaillen-Neuvergaben so gestaltet, dass sie die NOKs bat, für die betroffenen Sportler einen Rahmen zu schaffen. Die Leichtathletik-Bosse von der IAAF agieren seit 2017 konsequenter. Bei der WM in London wurden zwölf Einzelsportler und fünf Mannschaften, deren Platzierung sich nachträglich verbessert hatte, vor großem Publikum geehrt. Wie Jennifer Oeser, aus deren Siebenkampf-Bronze von 2011 Silber wurde, weil der Russin Tatjana Tschernowa der Weltmeistertitel aberkannt wurde. Oeser freute sich über den Rahmen, den die IAAF schuf. Bei ihr war es wie beim australischen Geher Jared Tallent: Sie hatte wenigstens das Treppchen genießen dürfen – und als Medaillengewinnerin waren ihr die üblichen Boni wie eine Einladung in den jährlichen „Club der Besten“ zuteilgeworden. Nadine Kleinert, die einige Male außerhalb der Medaillenränge gelandet war, weil Konkurrentinnen betrogen hatten, rechnete indes aus, was ihr alles an Prämien, Start- und Fördergeldern entging im Lauf der Karriere: eine sechsstellige Summe.
Das IOC hat immer Notfall-Medaillen
Bis Medaillen neu vergeben werden, das kann sich hinziehen. „Das geschieht nicht automatisch“, erklärt das IOC auf Anfrage unserer Zeitung. Der Ablauf ist: Die erwischten Sportler dürfen keine gerichtliche Einspruchmöglichkeit mehr haben gegen die Disqualifikation, die zuständigen internationalen Fachverbände müssen das neue Klassement an das IOC melden. Dieses weist wiederum das NOK an, dass es die Medaille zurückholen soll. „Das IOC selbst produziert keine Medaillen. Die gewöhnliche Prozedur ist, dass die zurückgegebene Originalmedaille überreicht wird.“ Aber: „Das IOC bekommt nach jeden Olympischen Spielen einen Vorrat an ungravierten Medaillen vom Organisationskomitee.“ Die sind aus der Notfallreserve.
Wobei eine nachgereichte Medaille den Verlustschmerz nicht vollends lindert. „Wenn ich fünf Jahre später eine Medaille bekäme, die bei einem bescheuerten Doper rumlag, würde ich sie wegschmeißen“, sagt der Zehnkämpfer Rico Freimuth. Der Sprinter Julian Reus meint: „Die emotionalen Momente im Stadion sind wichtig – nicht die Medaille, die man vielleicht zehn Jahre danach bekommt.“ Kugelstoßerin Kleinert bringt es auf den Punkt: „Jubel lässt sich nicht nachholen.“
Das hat vor über 45 Jahren Frank Shorter erleben müssen: Der Amerikaner, zufällig in München geboren, war schnellster Marathonläufer bei den Spielen 1972 in der Stadt, mit der er „eine innere Verbundenheit“ fühlte. Beim Einlauf ins Olympiastadion erwartete er einen Jubelsturm. Jedoch: Es herrschte Stille. Das Publikum glaubte, dass Shorter Zweiter wäre – weil der Sieger schon im Ziel war. Nur: Es handelte sich um einen 16-jährigen Schüler, der mit nachgemachter Startnummer sich auf den Schlusskilometer geschmuggelt und den Applaus abkassiert hatte. Jahrzehnte später versuchte er, sich in einem Brief an Shorter zu entschuldigen. Der antwortete nicht. Er sagt: „Ich bin um meinen Moment betrogen worden.“
1976, so findet er, noch ein zweites Mal. Er gewann Silber, Gold ging an Waldemar Czierpinski aus der DDR, den Shorter für nicht sauber hielt.
Einen Beweis dafür gibt es nicht. Die Olympia-Bücher von Montreal 1976 können so bleiben, wie sie sind.