Melbourne – Was Titelverteidigerin Serena Williams dieser Tage im Sinn hat, ist kein Geheimnis. Mit Tochter Alexis Olympia im Arm posierte sie für eine Titelgeschichte der Vogue, und sie machte auch dabei eine großartige Figur. Am Wochenende vor dem Beginn des Turniers, das sie im vergangenen Jahr schwanger gewann, tun sich derweil in Australien erstaunliche Dinge. Mit einem Sieg gegen die Italienerin Camila Giorgi (6:2, 6:3) landete Angelique Kerber am Freitag im Finale des WTA-Turniers von Sydney. Es war Kerbers achter Sieg in diesem Jahr nach den Erfolgen in der Woche zuvor beim Hopman Cup.
Auf der Homepage der Australian Open wurde ihr prompt ein Absatz gewidmet – in der Rubrik: ‚Sechs kühne Prognosen’. Kerber sei eine Spielerin, heißt es darin, die was von großen Auftritten in Australien verstehe. „Als eine der beiden ehemaligen Siegerinnen des Turniers weiß sie, was gefragt ist, um Melbourne wieder zu erobern.“ Die Konstellation erinnert jedenfalls an die Ereignisse des Jahres 2016, als sie den Titel in der Rod Laver Arena gewann. Auch damals war sie beim Turnier zuvor im Finale (in Brisbane). Die Chance, mit einem guten Gefühl und einer Serie von Siegen ins erste Grand-Slam-Turnier des Jahres starten zu können, könnte eine Hilfe sein.
Kerber wird in der ersten Runde der Australian Open am Dienstag gegen die lange verletzt gewesene Anna-Lena Friedsam spielen, Julia Görges, die kürzlich in Auckland ihren dritten Titel in Folge gewann, muss am Montag gegen die junge Amerikanerin Sofia Kenin ran. In dieser ersten Runde stecken auch zwei Kracher: Venus Williams, die Finalistin des vergangenen Jahres, gegen Belinda Bencic aus der Schweiz – und vor allem Maria Scharapowa gegen Tatjana Maria, verbunden mit der Frage, wie die fast 1,90 große Russin mit dem recht einzigartigen flachen Slice-Spiel der deutschen Herausforderin umgehen wird.
Nicht ganz so offen, aber mindestens so spannend dürfte die Geschichte in Melbourne bei den Männern werden, verbunden mit einem Strauß von Fragen. Erstens: Gelingt es Roger Federer, den 2017 gewonnenen Titel zu verteidigen? Es wäre der 20. bei einem Grand-Slam-Turnier. Zweitens: Wie fit ist Rafael Nadal, der die Weltrangliste anführt? Weitere Fragen: Gewinnt Grigor Dimitrov nach seinem bisher größten Erfolg, dem Sieg beim ATP-Finale Mitte November in London, in Melbourne die erste Trophäe bei einem Grand-Slam-Turnier? Wie geht es bei Alexander Zverev weiter, zu dessen Zielen im neuen Jahr unter anderem eine bessere Bilanz bei den großen vier Turnieren als 2017 gehört? Die Auslosung dürfte Zverevs Vorfreude nicht gut getan haben; in der dritten Runde könnte er auf seinen Bruder Mischa treffen, und solche Spiele mag er überhaupt nicht. „Das ist mental eine der schwersten Aufgaben, die du als Sportler haben kannst“, sagte er kürzlich zu diesem Thema. „Das ist dein Bruder. Du willst nicht gegen ihn gewinnen.“
Aber so weit ist es noch nicht, und auch eine mögliche Begegnung in Runde vier mit Novak Djokovic kann noch kein Thema sein. Am Freitag teilte dessen nicht ganz unbekannter Coach Andre Agassi per Twitter mit, er sei auf dem Weg nach Australien – woraus sich schließen lässt, dass der von ihm betreute Serbe tatsächlich die Absicht hat, beim ersten Grand-Slam-Turnier 2018 zu spielen. Nach seinem Auftritt vor ein paar Tagen im Kooyong Club hatte Djokovic gesagt, das sei der Plan, er müsse erst abwarten, wie es ihm in ein paar Tagen gehen werde.
Agassi hatte übrigens erst im zehnten Jahr seiner Karriere seine Premiere bei den Australian Open gefeiert und auf Anhieb den Titel gewonnen. Später kamen noch drei dazu, aber in dieser Rubrik kann er Djokovic nicht schlagen – der führt die Liste der Sieger in Melbourne gemeinsam mit dem Australier Roy Emerson mit sechs Titeln an.