München – Inzwischen hat sie ein paar Nächte darüber geschlafen. Geblieben ist jedoch der emotionale Ausnahmezustand, in dem sich Ramona Hofmeister, 21, seit Freitagabend befindet. Die meisten Sätze, die die junge Snowboarderin ins Telefon spricht, gehen in glucksendes Lachen über. Das Glück will aus ihr raus, ihr Herz hüpft – es klingt, als könne sie noch immer nicht ganz glauben, was ihr da gelungen ist beim vorolympischen Weltcup in Bad Gastein. Sieg im Parallelslalom – ihr erster überhaupt im Weltcup. Gefolgt von einem zweiten Platz im Teamevent an der Seite von Stefan Baumeister. „Ein unglaubliches Wochenende“, sagt Hofmeister: „Ich konnte es schon am Freitag nicht fassen. Und am Samstag dann gleich wieder rauf aufs Podium. Es ist der absolute Wahnsinn!“
Ein Wahnsinn, der sich allerdings abgezeichnet hat, wenn man die letzten zwei Jahre im Sportlerleben der aufstrebenden Bischofswieserin nachzeichnet. Nach ihrem Gold-Coup bei der Junioren-WM 2016 entwickelte sich alles wie im Zeitraffer: Aufnahme in den A-Kader, erste Podiumsplätze im Weltcup, verbandsinterne Auszeichnung als „Athletin des Jahres“ – jetzt gekrönt von einem nahezu perfekten Weltcup-Wochenende. „Es ging einfach Runde für Runde weiter“, lässt Hofmeister den inneren Film noch einmal ablaufen: „Schade, dass ich im letzten Lauf des Teamevents einen Riesenfehler hatte. Ein Doppelsieg wäre natürlich die Krönung gewesen. Aber auch so brauche ich mich nicht zu beschweren.“ Platz 3 im Gesamtweltcup und ein sicherer Startplatz für Olympia sind Fakten, mit denen sich für den Moment gut leben lässt.
Beeindruckend war vor allem der Siegeswille, den Hofmeister wie gewohnt in ihre Läufe legte. Sie selbst wertet ihre innere Stärke als Ergebnis breit gefächerter Interessen wie Yoga, Motocrossfahren, Backen, Zirkusakrobatik und Klavierspielen. Einige im Team sagen auch, dass dieses In-sich-Ruhen ein Markenzeichen der 21-Jährigen ist. „Die Ramona nimmt das Herz in die Hand“, sagt Cheftrainer Andi Scheid: „Sie gibt ordentlich Gas im Wettkampf – dazu hat sie ein hohes Maß an mentaler Stärke.“
Nicht nur den erfahrenen Scheid erinnert Hofmeisters Mentalität an eine andere Ausnahmefahrerin in seinem Team: an Amelie Kober, 30, die gerade dabei ist, sich nach zwei Seuchenjahren wieder ranzukämpfen. Der Zufall wollte es am Freitag, dass sich die Altmeisterin und die Nachwuchshoffnung im Achtelfinale erstmals unter Wettkampfbedingungen duellieren mussten. „Trainer lieben das ja, weil dann eine von beiden sicher weiterkommt“, schildert Hofmeister Chancen und Tücken des K.o.-Systems: „Wir Sportler lieben das weniger, weil wir wissen, dass dann eine von uns beiden auf jeden Fall ausscheidet.“
Im „Wimbledon des Alpin-Snowboardens“ (BR) blieb Kober auf der Strecke, die aber kein Problem damit hatte, der aufstrebenden Konkurrentin den Vortritt zu lassen. „Sie ist eine sehr, sehr faire Sportlerin“, sagte Kober dem Bayerischen Rundfunk: „Ich freue mich, dass es so gut läuft bei ihr, denn das hat sie sich absolut verdient.“ Hofmeister selbst bezeichnet die ehrgeizige Kober als Vorbild, als „Idol“ gar. Lange habe sie die ältere Kollegin „nur aus dem Fernsehen gekannt – oder beobachtet, weil sie ja so lange verletzt war“. Inzwischen würde sie Ähnlichkeiten zwischen ihr und Kober „keinesfalls“ von der Hand weisen. „Schon vom Mentalen her“, betont Hofmeister: „Wir sind vor Rennen beide nicht so aufgeregt, machen uns nicht so viel Druck wie andere. Irgendwie sind da die Cooleren am Start oben.“
Cool und zielstrebig wird Hofmeister nun auch nach Korea reisen, um sich dort den „Kindheitstraum“ von einer olympischen Medaille zu erfüllen. Die gestiegene Erwartungshaltung blendet sie ebenso aus wie die politisch brisante Lage: „Da befassen sich genug andere Leute mit.“ Lieber denkt sie daran, was sie alles verpasst hätte, wäre sie 2015 einer spontanen Verlockung erlegen. „Ich wollte zum Boardercross wechseln, das war so ’ne kleine Idee von mir. Ich war sogar bei einem Lehrgang dabei, hab dort aber schnell gemerkt, dass mein Herz in der anderen Sparte unterwegs ist.“ Sie sagt: „Als Boardercrosserin würde ich jetzt vielleicht im Europacup starten . . . “ Jetzt reist sie zu den Olympischen Spielen – begleitet von realistischen Edelmetall-Hoffnungen.