dauerwerben um heynckes

Zwei wollen reden, einer nicht

von Redaktion

von hanna raif

München – Um den Menschen Jupp Heynckes zu verstehen, reicht es manchmal, die kleinen Dinge zu beobachten. Aus der Vorbereitung auf die Rückrunde bleibt da eine Szene im Kopf, die kaum jemandem aufgefallen ist. Wer binnen 30 Jahren vier Mal Bayern-Trainer war, kennt viele Gesichter aus jeglichen Ebenen in und um diesen Klub, einige von ihnen schon sehr, sehr lange. Für einen Journalisten, der seinen gesamten Weg begleitet hat, schob Heynckes in Doha sogar kurzerhand ein Gitter zur Seite. Nicht, weil er ihn durchlassen, sondern weil der Coach selbst die Seite wechseln wollte. Ein Zaun passt nicht zwischen zwei Weggefährten, die sich in einem kleinen Plausch für ein Interview verabreden. Erschienen ist dieses gestern im „kicker“ – und die Botschaft, die nach außen drang, lautete: „Ich möchte über das Trainerthema nicht mehr reden.“

Es ist ja nicht so, als habe Heynckes diesen Satz in den vergangenen Monaten und verstärkt in den letzten Wochen nicht schon oft genug genauso ausgesprochen. Aber übermittelt in dieser Form hat er noch mal eine andere Wucht. Ja, der 72-Jährige habe „Motivation und Elan“ sowie eine „tiefe Verbindung zu diesem Klub“, zudem mache er seine Arbeit „mit viel Energie“ und jeden Tag sehr gerne. Und trotzdem wisse und spüre er, dass „eine unheimliche Selbstdisziplin und Ausdauer“ dazu gehöre. Wenn man in vier Monaten 73 Jahre alt werde, könne man nicht voraussagen, „wie viel Zeit einem das Leben noch gibt“.

Aktuell ist Heynckes frisch und agil, er sagt aber: „Als ich anfing, war ich fitter als jetzt, weil ich mehr Zeit für meinen Sport und meine Spaziergänge mit Cando hatte.“ Seit dem Herbst wohnt er nun in einem Münchner Hotel, geht abends „altersgerecht“ um 22 Uhr ins Bett, steht um 6 Uhr auf, um früh an der Säbener Straße zu sein. Die wenige Zeit allein nutzt er für Video-Gespräche mit seiner Frau Iris und Cando. Er sei nicht einsam, beteuert er, er habe ja Musik dabei, „Rock, Pop, Soul, Jazz“, mache sich abends etwas zu essen und reflektiere „den Tag und allgemeine Dinge“. Aber ist das wirklich das Leben, das man sich für sein Rentner-Dasein gewünscht hat?

Diese Frage kann Heynckes nur selbst beantworten.

Spätestens seit Sonntagvormittag, seitdem Karl-Heinz Rummenigge die von Uli Hoeneß gestartete Charme-Offensive via eines Fernsehauftrittes bei „Sky“ befeuert hat, ist klar, wie die kommenden Monate aussehen werden. Die Bosse werden keine Gelegenheit auslassen, Heynckes weiter Honig ums Maul zu schmieren. Und Heynckes wird – auch wenn ihm die Lobhudelei schmeichelt – weiterhin schmallippig auf Nachfragen reagieren. Der Grad, auf dem sich der Klub mit dieser riskanten Politik bewegt, wird schmäler.

Man gibt vor, Geduld zu haben, weil Heynckes laut Rummenigge – der das Thema übrigens nach eigenen Angaben „mit der notwendigen Eleganz“ begleiten möchte – „ein wunderbarer Mensch“ und der „idealste Trainer“ sei. Wie es aber aussieht, wenn der eigentlich als Feuerwehrmann eingesetzte Triple-Trainer sich bis März, April, Mai nicht hat umstoßen lassen, steht auf einem anderen Blatt Papier.

Es ist zu hören, dass die Bosse sich berechtigte Hoffnung machen, ihren Jupp noch mal weichklopfen zu können, im Sinne seines Klubs, als erweiterten Freundschaftsdienst sozusagen. Irgendwann aber werden auch sie eine Entscheidung brauchen, um einen – aktuell nicht verfügbaren – vorzeigbaren Plan B in die Wege zu leiten. Thomas Tuchel und Julian Nagelsmann gelten als außen vor. Eher ein Engagement von Jürgen Klopp oder Nico Kovac ist denkbar, aber halt erst 2019. Kann man es sich als FC Bayern erlauben, so hoch zu pokern? Und kann man von jemandem, der einem den kleinen Finger reicht, gleich die ganze Hand fordern?

Heynckes hat – Stand heute – eine kleine Meinung. Eine Frist gebe es nicht, der neue Trainer müsse nicht zwingend deutsch sein, sondern „zum Verein passen“. Zudem belaste das Thema die Mannschaft nicht, weil es „2013 genauso war“. Damals allerdings herrschte am 16. Januar – also heute vor vier Jahren – Gewissheit darüber, dass Pep Guardiola im Sommer übernehmen werde. Im vermeintlichen Endspurt seiner Karriere drehte Heynckes dann richtig auf.

Alles, was er heute macht, passiere unter der „Souveränität des Alters“, sagt der Gladbacher. Nicht durchdrehen, sondern abwarten und Tee trinken also. Er ist da in besserer Position als seine Freunde aus der Klubführung. Wenn Heynckes möchte, kann er das Gitter jederzeit beiseiteschieben – und die Seite wechseln. Wenn nicht, dann nicht.

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