Gut, nun kann er diese Geschichte erzählen, die bislang sein Geheimnis war.
Sigi Heinrich war schon über dreißig und Redakteur der Süddeutschen Zeitung, als er in seinem Wohnzimmer die Skirennen aus dem Fernsehen nachübertrug und seinen Kommentar auf Tonband festhielt. Und dann, sagt er, habe er verglichen, „ob ich klinge wie Harry Valerien“. Kommt sein bayerisches Idiom so rüber wie das des populären ZDF-Mannes, rollt sein R wie beim Vorbild? Kann es ein Heinrichsches „Sappradi, Bursch“ mit dem Original-„Sappradi, Bursch“ aufnehmen?
Sigi Heinrich fand durchaus, „dass ich die Schneeflocke in der Stimme habe“. Für Biathlon, das er jetzt hauptsächlich kommentiert, ist das schon mal ganz gut.
Die einst geheim gehaltene Passion lebt Sigi Heinrich, inzwischen 64, schon lange aus. „Man geht nicht von der Süddeutschen Zeitung weg, das sehe ich heute noch so“, sagt er – und ging weg, damals, 1989. Ins große Abenteuer. Zum neuen Sender Eurosport. Er ist der Mann der ersten Stunde. Und immer geblieben.
Deshalb bringen viele Fernsehzuschauer Eurosport in Verbindung mit der Stimme von Sigi Heinrich. Als vor zweieinhalb Jahren der Coup publik wurde, dass Eurosport der Olympia-Sender 2018, 20, 22 und 24 sein würde, sagte man: Oh, dann muss Sigi Heinrich rund um die Uhr kommentieren.
Eurosport und Sigi Heinrich sind eins geworden – was insofern erstaunlich ist, als Sender und Kommentator nicht durch ein klassisches Festanstellungsverhältnis verbunden sind. Eurosport hat in den Anfangsjahren schwer gespart, zum Kommentieren in die Studios in Paris und den Niederlanden „sind wir ein- und ausgeflogen worden“. Jetzt ist Sigi Heinrich zumindest Pauschalist.
Aber immer galt: volle Identifikation mit Eurosport. Er hat bei diversen Weltmeisterschaften Zeitungsschreiber zum Essen eingeladen, um auf seinen Sender aufmerksam zu machen, weil es ihn immer ärgerte, wenn wo stand, eine Veranstaltung werde „nur bei Eurosport übertragen“.
Sigi Heinrichs Liebe zu seinem Sender erklärt sich so: Punkt eins ist, „dass sie mich immer haben machen lassen“. Er durfte „das Herz auf der Zunge tragen“ und „die Emotionen rauslassen“. Streng genommen sollte Eurosport die Ware, die es eingekauft hat, ja auch schön präsentieren, und man hat Eurosport öfter vorgehalten, dass es kein Dopingaufklärungssender ist, doch Sigi Heinrich hält es mit Faktenehrlichkeit: „Wenn da acht Athleten an der Startlinie stehen und sieben hatten eine Sperre, sag ich das.“ Auch wenn ihn, wie neulich, russische Journalisten „körperlich angegangen haben“.
Ein guter Turner – und Landesligatorwart
Punkt zwei war, dass Heinrich die ganze Palette an Sportarten besetzen durfte. In welchen er kommentiert hat? „In allen“, sagt er. Der erste Auftrag bei Eurosport war: Man setzte ihn 1989 in Paris in eine der Kommentatoren-Boxen, nebenan die Kollegen, die in anderen Sprachen die gleichen Bilder erläuterten – von einem Reitturnier. Informationen? Es gab keinen Redakteur, der zuarbeitete, „was man wissen wollte, musste man selbst herausfinden“. Internet gab es damals noch nicht so richtig. Sigi Heinrich hat den Zuschauern malaysische Ball-übers-Netzsportarten und Pelota näher gebracht, und er durfte Harry Valerien sein, er wurde der Ski-Kommentator von Eurosport. Um zehn Herren-Slalom, um zwölf Damen-Abfahrt, dann wieder Slalom – und eventuell hat man ihn am Nachmittag noch vom Basketball gehört.
Er fühlte sich bei all dem wohl. Natürlich ist er mit den Jahr(zehnt)en und nun über sechzig ein wenig rundlich geworden, „doch ich hatte Sport studiert“. Sigi Heinrich war ein leistungsorientierter Kunstturner, „die Sommerferien habe ich in Trainingslagern verbracht“, mit diesem Background hat er sich im Wasserspringen und Eiskunstlauf einarbeiten können. Zehn Jahre trainierte er Turner und Volleyballer („Jeden Abend stand ich für das bisschen Übungsleiterzuschuss in der Halle“), er hatte „Diskus und Speer in der Hand“, im Fußball stand er beim TSV Wolfratshausen im Landesliga-Tor, Ski fuhr er auch. „Die Abfahrten, die ich kommentiert habe, bin ich zuvor alle runtergefahren“, sagt er. In den 90er-Jahren erkannte Eurosport, dass man nicht jede Sportart aus dem Studio übertragen kann und schickte seine Leute hinaus zu den Veranstaltungen. Die Spiele in Pyeongchang werden Sigi Heinrichs 13. sein.
Wenn Eurosportler zusammensitzen und es gemütlich wird, dann artet das immer aus in ein Best-of-Sigi-Heinrich-Erzählen. Berühmt ist die Geschichte von den Olympischen Spielen 1994 in Lillehammer. Da organisierte der Sigi ein Skirennen für die Journalisten, einen Super-G. Auf den Hang durfte man erst nach dem Mittagessen, welches ein üppiges war, zu dem auch Wein gereicht wurde – und nicht zu wenig. Unglücklicherweise bekam der Wein-Liebhaber Sigi Heinrich dann auch noch einen Sturzhelm aufgesetzt, der überhaupt nicht passte und ihm während des Rennens über die Augen rutschte – Super-G-Blindflug. Mit einer lausigen Zeit fuhr er im Ziel ein. Frank Wörndl, Slalom-Weltmeister (1987) und Olympiamedaillengewinner (1988), war damals schon als Experte für Eurosport im Einsatz und nahm wie einige andere Promis an dem Rennen teil. Doch, so erzählt er, „die Zuschauer haben alle nur dem Sigi zugejubelt“. Seitdem steht für ihn fest: „Der Sigi ist ein Rockstar.“ Das ist Heinrichs Status bei Eurosport.
Der Sender hat sich verändert. Anfangs war er ein Produkt der European Broadcasting Union, einem Zusammenschluss der öffentlich-rechtlichen Anstalten des Kontinents, dann übernahm ihn der französische Privatsender TF1, seit 2015 besitzt der US-Konzern Discovery alle Anteile. Als Sigi Heinrich anfing, gab es „keine Tische und Stühle, die Blätter legte man auf den Boden“. Und als er das erste Mal zum Ski-Weltcup nach Sestriere kam, „hatte die ARD eine eigene Küche dabei – und ich hatte einen Hungerast“.
Exklusive Rechte hatte Eurosport keine. Nun, mit dem Investor, ist vieles möglich: Stars wie Boris Becker, Matthias Sammer, die Skispringer Sven Hannawald und Martin Schmitt, die Skigrößen Bode Miller und Tina Maze, der Biathlet Michael Greiss sind als Experten eingekauft worden, es gibt am Freitagabend Bundesliga, im Tennis ist man bei drei der vier Grand-Slam-Turniere dabei, hat Studios und Moderatoren und nicht mehr ein Einheitsprogramm für 50 Länder, sondern viele nationale Fenster – und ist der Olympiasender.
Die Sorge, dass der Charme verloren geht
Sigi Heinrich ist stolz, „dass ein Investor unser Potenzial erkannt hat“ und dass Eurosport als „ernsthafter Player“ anerkannt wird. Der Sender hat aufgeholt auf einem Markt, der geschichtlich geordnet ist. Die ARD auf Knopf 1, das ZDF auf 2 – „so werden die Fernsehgeräte ausgeliefert“. Bei aller Aufbruchstimmung treibt ihn aber die Sorge um: „Wir dürfen unseren Charme nicht verlieren.“
Den der Kämpfer aus der zweiten Reihe, die den Sport immer mehr von der fachlichen Seite als von seinem Unterhaltungswert gesehen haben.
Er selber ist so einer geblieben. Die Hälfte der Zeit auf Achse, und wenn er frei hat, liest er Fachliteratur. Bestätigung für die Arbeit ist es ihm, wenn einer wie der Biathlet Erik Lesser sagt: „Sigi, wir mögen dich, weil du ehrlich bist.“ Oder wenn er ausgezeichnet wird: Bayerischer Sportpreis (2015), Deutscher Fernsehpreis (2008) – zusammen mit seinem Leichtathletik-Kompagnon Dirk Thiele. Der kam wie Gottfried Weise oder Wolfgang Hempel aus der DDR. Die war zusammengebrochen im Jahr der Eurosport-Gründung, im Westen hatten die Sportstimmen des Ostens keine Chance. Außer bei Eurosport. Sigi Heinrich schätzte das Fachwissen und die Kontakte, die die neuen Kollegen mitbrachten. Ihre Nähe zu den Sportlern fand er bisweilen zu ausgeprägt. Doch er verstand: Auslandsreisen hätte es für die Reporter der DDR nie gegeben, wenn sie mit den Sporthelden des Landes zu kritisch umgegangen wären. Sigi Heinrich, der Ur-Bayer aus Wolfratshausen, sagt: „Durch Eurosport bin ich zum Europäer geworden.“
Hat er etwas verpasst im Leben? Gelegentlich sagen Leute zu ihm, man kenne zwar seine Stimme, die Wenigsten wüssten aber, wie er aussehe, weil er hinter der Kamera geblieben ist. Er hält mit dem Sinnspruch dagegen: „Mehr als das, was ich jetzt bin, muss ich nicht sein.“
Er will kommentieren, nicht moderieren. Er will immer dabei sein. Aus Sotschi 2014 durfte Eurosport nicht senden, er ist in Urlaub nach Teneriffa geflüchtet – und hat dort die ganze Zeit doch Olympia angeschaut. Er will weiter Trainer abtelefonieren, sich bei einem Wortspiel oder einer Prognose auch mal vergaloppieren. Live ist live. Auf seiner Facebook-Seite fragen manche User grob, wann er endlich in Rente gehe.
Sigi Heinrich wird nicht aufhören. Ein Leben, das anders wäre, würde ihn verstören. „Ich weiß nicht, wie man Rente schreibt.“ Er findet, dass er einen Traumberuf hat, jeden Tag sei das bisher so gewesen. Zwar hätte ihn das ZDF nehmen können als Ski-Kommentator, als „neuer Valerien“, da wäre er weich geworden, aber das ist jetzt auch vorbei. Er freut sich einfach nur auf den nächsten Tag: „Ich habe eine Mordsgaudi und den besten Platz im Stadion.“