Kitzbühel – Testpilot, quasi die erste Pistenraupe mit Rennanzug. So musste sich Josef Ferstl gefühlt haben, als er den Super-G in Kitzbühel mit Startnummer eins eröffnete. Er hätte sich tags zuvor bei der Auslosung auch noch für die 19 entscheiden können, wählte aber die 1, in der Hoffnung, auf einer gewohnten Strecke und jungfräulichen Piste die erste Spur legen zu dürfen. Gründlich verpokert, weil ihm das Wetter einen Strich durch die Rechnung machte und ihn letztlich auf Platz 18 herunterbremste.
Die Austragung des Rennens stand am Freitag lange auf der Kippe nach den Regen- und Schneefällen der Nacht und noch am Vormittag, doch die Veranstalter entschieden sich für Notfall-Plan B mit einem Novum auf der Streif, also völlig neuer Streckenführung in dieser Disziplin. Erstmals startete der Super-G oben an der Mausefalle, die Ziellinie überquerten die Läufer am Oberhausberg, weil der untere Teil der Strecke aufgeweicht und „unmöglich zu fahren“ (FIS-Renndirektor Markus Waldner) war, außerdem für die Abfahrt an diesem Samstag geschont werden sollte.
Ferstls Pech. „Was mich echt ärgert: Dass soviel Pappschnee drin lag. Im Schlussstück konnte ich keinen Speed aufbauen.“ Mit Startnummer eins, glaubte er, „hätte heute niemand gewonnen“. Außer vielleicht die norwegische Alpin-Rakete Aksel Lund Svindal. Dem gelang mit seinem dritten Super-G-Erfolg in Kitzbühel ein perfektes Comeback auf der Streif nach seinem Sturz vor zwei Jahren samt Kreuzband-riss. Direkt hinter dem 35-Jährigen kamen Landsmann Kjetil Jansrud und der Österreicher Matthias Mayer an. Schneepflug Ferstl, dem beim letzten Super-G in Gröden vor Weihnachten der erste Weltcup-Sieg seiner Karriere gelungen war, landete auch hinter den deutschen Kollegen Andreas Sander (8.) und Thomas Dreßen (15.).
Obwohl die Situation eigenartig anmutete, weil die Rennläufer die Ziellinie oben am Berg quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit überquerten (Ferstl: „Eher wie im Europacup“), die Zuschauer unten im Ziel nur vor der Leinwand jubelten. Letztlich waren alle froh, dass ein Rennen mit großem Aufwand und Flexibilität überhaupt gerettet werden konnte. „Es ist ein Wintertag und es ich wichtig, dass man Ski fährt“, kommentierte FIS-Renndirektor Markus Waldner zufrieden das kreative Novum am Hahnenkamm. „Es war schon gut, dass wir heute gestartet sind“, meinte auch Josef Ferstl, bremsender Pappschnee hin oder her.
Dass man diesmal nicht im Originalziel abschwang, erinnerte Svindal an seine Kindheit: „Es war speziell, dass keine Zuschauer da waren, wenn man seine Zeit sieht. Es war ein wenig wie früher.“ Sogar bei Schülerrennen sind mehr Leute im Ziel.
Auf jeden Fall „Weltcup-würdig“ fand Sander, als Achter keineswegs restlos zufrieden, die ungewohnte Herausforderung, den oberen Teil der Streif etwas kurviger zu meistern. „Der Steilhang ist immer extrem schwer.“ In diesem Teil war schnell auch Thomas Dreßens erste Zwischenbestzeit dahin. Die Ausfahrt Steilhang schlecht erwischt, „aber es ist ja schon mit der Einfahrt losgegangen“, rügte sich der Mann aus Mittenwald, vom Stadionsprecher als „Rookie of the year“, Aufsteiger des Jahres, angepriesen. Aber dem Rookie fehlte nach den „Böcken“ im Steilen die Geschwindigkeit in der flachen Passage, „dann bist du halt angeschmiert.“
Was da ein Aksel Lund Svindal besser macht? „Der fährt in einer anderen Liga“ sagt Dreßen, „das Ski-Gefühl, das der Kerl hat, ist brutal. Beneidenswert.“ Aber Thomas Dreßen ist guter Dinge: „Irgendwann habe ich auch mal so ein gutes Gefühl.“ Vom Gefühl her könnte es am Samstag (11.30) in der Abfahrt für den Rookie schon besser laufen. Ganz sicher aber wieder mit der Zielline mitten in den Zuschauermassen.