Zu groß für Schalke

von Redaktion

Leon Goretzka wechselt im Sommer zum FC Bayern – Heynckes reagiert pikiert auf die Schmeicheleien der Bosse

von marc beyer

München – Die Vorlage war zu verlockend, um sie ungenutzt zu lassen. Und so handelte die allerletzte Frage, die Jupp Heynckes am Freitag gestellt wurde, nur vordergründig von Leon Goretzka. Im Grunde ging es wieder mal um Heynckes.

Den fragte ein Reporter, ob die Vorfreude auf Goretzka (22), der ab 1. Juli ganz offiziell dem FC Bayern angehören wird, bereits auf den Trainer abgefärbt habe. Ob also Heynckes sich schon heute auf seine erste Einheit mit dem europaweit begehrten Mittelfeldspieler freue, den Schalke 04 nicht hat halten können. Probieren kann man es ja mal. Erwartungsgemäß fiel der Adressat aber auf die Fangfrage nicht herein. Er glaube, „dass die Zuschauer sich auf ihn freuen können“, erwiderte Heynckes. Er wiederum will sich das Spektakel aus der Ferne anschauen. Als Privatier, der er dann wieder sein wird, ungeachtet der ständigen Avancen aus der Führungsetage. In den Zeitungen liest Heynckes ständig, die Aufmerksamkeit der Bosse schmeichle ihm. Jedoch: „Das ist nicht der Fall.“

Die Nachricht von Goretzkas Wechsel nach München, wo er am Donnerstag einen Vierjahresvertrag unterschrieb, machte am Freitagvormittag als Eilmeldung die Runde. Eine Überraschung war sie da längst nicht mehr, seit Wochen hatte sich der Transfer angebahnt. In München strebt der zwölfmalige Nationalspieler (sechs Tore) das an, was in der Fachsprache „der nächste Schritt“ genannt wird. Schalke ist ihm in den letzten Monaten zu klein geworden.

Das musste dem Revierklub schon im Sommer dämmern, als man sich mit Goretzka und seinem Berater grundsätzlich auf einen neuen Vertrag geeinigt hatte, diesen aber vor dem Confed Cup nicht mehr besiegelte. Seine starken Leistungen in Russland machten dann die nahezu komplette Elite Europas darauf aufmerksam, dass hier ein Hochbegabter sehr bald ablösefrei zu haben sein würde. Schalkes Manager Christian Heidel, der den Transfer am Freitag bekanntgab, berichtete davon, man habe mit seinem Angebot an Goretzka die „Schmerzgrenze“ neu definiert. Angeblich lag sie bei zehn Millionen Euro Jahresgehalt. Klubs wie den Bayern, Real Madrid, dem FC Barcelona oder Manchester United – die allesamt um den vielseitig verwendbaren Mittelfeldspieler warben – tun solche Summen noch lange nicht weh. Im Gegenteil: Sogar inklusive der üblichen Handgelder und Beraterprovisionen ist die Investition vergleichsweise noch moderat.

Selbst wenn er ihn nicht mehr persönlich trainieren sollte, kann Heynckes seine Begeisterung für diesem Transfer nicht verhehlen. Goretzka, der schon als 17-jähriger Zweitligaprofi des VfL Bochum einen exzellenten Ruf genoss, habe „eine klasse Entwicklung genommen, ist intelligent und leistungsorientiert“. Außerdem ist er offensichtlich Realist genug, die sehr speziellen Schalker Verhältnisse richtig einzuschätzen. Schlimmer als ein Wechsel zum Krösus FC Bayern, wie ihn die Fans Manuel Neuer bis heute nicht verziehen haben, wäre nur noch ein Umzug zum Erzfeind Borussia Dortmund.

Goretzka ahnt, dass die kommenden Monate nicht einfach werden. In einer Facebook-Botschaft an die königsblaue Gemeinde räumte er am Freitag ein, „dass ich Euch alle enttäusche“, versprach aber bis zum letzten Abpfiff vollen Einsatz: „Jeder, der mich nur ein bisschen kennt, weiß, dass ich mich zerreißen werde.“ Im Interesse der Kollegen hofft er deshalb, glimpflich behandelt zu werden: „Macht es uns als Mannschaft nicht schwer.“ Das hat Neuer damals auch gehofft.

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