München – Kurz vor Weihnachten, da war Serge Gnabry wie ein Geschenk. Beim 4:0-Triumph der TSG Hoffenheim über RB Leipzig erzielte der 22-Jährige zwei Treffer, einen davon aus stolzen 43,5 Metern. Man muss schon lange zurückblättern, um in seinem Lebenslauf den letzten Eintrag zu finden, der es wert gewesen ist, ähnlich dick unterstrichen zu werden. Gnabry, der eigentlich dem FC Bayern gehört und im Sommer wieder nach München zurückbeordert wird, ist unter den jungen Stars des deutschen Fußballs das Irrlicht.
Im vergangenen Sommer hat Joachim Löw seine vielversprechendsten Talente zu einer Leistungsschau mit nach Russland genommen. Confed Cup hieß die Veranstaltung offiziell, der Bundestrainer nutzte den Wettbewerb, um sorgfältig zu prüfen, welcher junge Mann womöglich schon das Zeug hat, bereits einen Sommer später beispielsweise einem gestandenen Weltmeister nachhaltig im Nacken zu sitzen. Es drängten sich mehr Spieler auf als gedacht, das Ganze endete unvermutet mit dem Gewinn der Veranstaltung, und nun hat Löw den Salat: Werner, Goretzka, Draxler, Brandt, Stindl, Can, Süle, Rüdiger, ter Stegen – die muss er nun eigentlich alle in seinen WM-Kader integrieren. Serge Gnabry fehlte schon damals. Er hatte sich gar nicht erst für das Schaulaufen der Kandidaten empfohlen.
Gnabry, dessen Wechsel von Werder Bremen zu Bayern seit dem Frühjahr festgestanden war, stürmte stattdessen zeitgleich mit der U 21 zum EM-Titel. Das ist natürlich auch nicht schlecht, aber eben klar eine Kategorie tiefer. Reicht es für so einen für den FC Bayern? Damals baten er und sein Berater dringend um ein Leihgeschäft, zwecks der Spielpraxis. Gnabry hat bereits in jungen Jahren eine Phase beim FC Arsenal hinter sich gebracht, er wurde dort zwar als „German Wunderkind“ etikettiert, saß jedoch meist auf der Bank. Mit 22 muss man aber spielen, spielen, spielen. Nach seinem verlängerten EM-Urlaub trat er seinen Dienst in München gar nicht erst an. Auch ein Trikot mit seiner Nummer wurde nie beflockt.
Ab diesem Sommer soll er nun sein Arbeitsdress an der Säbener Straße bekommen. Es ist geplant, dass er zurückkehrt, stellte Karl-Heinz Rummenigge klar, die Umstände haben sich ja nun auch im Vergleich zum Vorjahr geändert: In Douglas Costa räumte ein Konkurrent das Feld, und der Coach Carlo Ancelotti, der wenig Anstalten gemacht hat, Talente zu fördern, ist Geschichte. Zugleich steuert die Ausschreibung für die Erben von Franck Ribery und Arjen Robben immer mehr die entscheidende Phase an. Gnabry, Vertrag bis 2020, soll mit Kingsley Coman die Zukunft auf dem Flügel werden.
Ob er das Zeug dazu hat, ist dabei noch immer die große Frage. „Man muss ihm immer mal wieder einen Arschtritt verpassen. Das war schon in Bremen so, das weiß ich vom Kollegen“, sagte Hoffenheims Coach Julian Nagelsmann: „Er ist noch lange nicht da, wo er hinmuss, wenn er bei dem Verein spielen will, dem er gehört.“ Immerhin schiebt er nun Extraschichten, arbeitet mit Yoga und Mikrostrom gegen seine Verletzungsanfälligkeit. Am Samstag kommt es beim Duell Bayern gegen Hoffenheim wieder mal zu einem Schaulaufen. Im Gegensatz zum Confed Cup ist Serge Gnabry zumindest schon einmal nominiert.