Der Onkel, der besonders war

von Redaktion

Uri Siegel pflegt das Erbe Kurt Landauers – und freut sich, dass auch die Bayern dessen „Symbolwirkung“ erkannt haben

von hanna raif

München – Die Frage nach dem Erbstück hat Uri Siegel freilich schon oft gehört. Und so steht der 95 Jahre alte Mann auch flink von seinem Sofa auf, als sie mal wieder kommt. „Kurz suchen“ müsse er, sagt er beim Verlassen des Wohnzimmers seiner Haidhausener Wohnung, aber keine halbe Minute später ist er zurück. Den Schirm, den er in seinen Händen trägt, zeigt er gerne in die Kamera. Für ihn ist das längst ein Routine-Motiv, und trotzdem ist es jedes Mal begleitet von Stolz.

Ob er ihn noch benutzt, den Regenschutz, den ihm sein Onkel Kurt Landauer nach seinem Tod im Jahr 1961 hinterlassen hat? „Nein“, sagt Uri Siegel. Der Knauf des „wunderschönen, alten Bauernschirms“ hat sich über die Jahre gelöst, dennoch wäre es funktionstüchtig und wasserabweisend. Uri Siegel aber ist „kein Schirmträger, ich bevorzuge einen festen, großen Hut“. Ob es also regnet oder schneit: Die Erinnerung an den langjährigen Präsidenten des FC Bayern lebt im Trockenen des letzten lebenden Familienmitglieds. Und zwar nicht nur rund um den Erinnerungstag im deutschen Fußball, der am Samstag begangen wird.

Seit 2004 nimmt man der Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz als Anlass, ein Zeichen gegen Rassismus und Diskriminierung auf und neben dem Platz zu setzen, aber Uri Siegel stutzt an dieser Stelle. „Wissen Sie“, sagt der Rechtsanwalt, „ich weiß die Daten von allen Befreiungstagen.“ Wer den Holocaust als Jude selbst hat miterleben müssen und mit der Familie nach Palästina geflohen ist, bevor er sich 1942 freiwillig dem englischen Militär anschloss und 1951 nach München zurückkehrte, hat alle Daten parat. Siegel, Sohn von Landauers Schwester Henry, hat zudem 16 Jahre lang als Leiter von Wiedergutmachungsbüros gearbeitet. Dass am Samstag also ein besonderer Tag ist, „nehme ich zur Kenntnis, aber es löst keine Emotionen in mir aus“.

Ganz anders ist das beim Erzählen der eigenen Lebensgeschichte. Es übt eine gewisse Faszination aus, diesem gebildeten und blitzgescheiten Mann zuzuhören. Immer wieder schweift er ab, erinnert sich an seine Schulzeiten in der Bogenhausener Gebele-Schule, in der „auf dem Schulhof niemand kickte, weil Fußball damals kein Thema war“. Gerade die Anekdoten machen seine Vita – und jene seines prominenten Onkels – noch greifbarer. Das München von damals, Gesellschafts- wie Familienverhältnisse.

In der Verwandtschaft war zwar gut bekannt, was „der Onkel“, wie Siegel Landauer nennt, neben seiner Tätigkeit als Anzeigenleiter bei den „Münchner Neuesten Nachrichten“ macht. Mitgefiebert mit dem FC Bayern wurde aber wenig. „Ich habe nie mit ihm geprotzt“, sagt Uri Siegel.

Erst gegen Ende Landauers zweiter von drei Amtszeiten als Präsident des damaligen „Künstler-Klubs“ stieg die Begeisterung. Das siegreiche Finale der ersten Deutschen Meisterschaft 1932 verfolgte der zehnjährige Uri im Landhaus in Untergrainau. „Ein Radio mit Hörern“ habe die Live-Übertragung empfangbar gemacht. Den Meister-Korso durch die Innenstadt sah die Familie später vom Haus der „Tante Gabriele“ in der Kaufinger Straße aus. In der Kutsche saßen „Onkel Kurt, Neffe Otto und Trainer Richard Dombi“. Landauer lacht: „Drei Juden, ein christlicher Kutscher und zwei Pferde – ohne Konfession.“

Dass die jüdischen Wurzeln mal die Familiengeschichte bestimmen würden, war damals noch undenkbar. Die Realität aber zwang die Familie zur Flucht und Lan-dauer zum Rücktritt und später ins Exil in die Schweiz. Vier der sieben Geschwister kamen ums Leben. Als er 1947 zurück in seine Heimat kam, war nichts mehr wie früher. Aber er hatte zwei gute Gründe: Seine spätere Ehefrau, „die geliebte Maria“, und „seinen FC Bayern“. Bis 1951 war er wieder Präsident.

Uri Siegel sah ihn im Januar 1951 wieder, „es war schön, wieder einen Onkel zu haben“. Nächtelang wurde Karten gespielt, „die Maria hat dazu vorzüglich gekocht“. Nur über Fußball sprach man nach wie vor wenig. Was Uri Siegel weiß: Dass sein Onkel ein Visionär und Macher war, der Professionalität einforderte („er hat geschimpft, wenn die vor dem Spiel gesoffen und geraucht haben“) und schon damals an Internationalisierung dachte. Was er über den FC Bayern von heute denken würde? Schwer zu sagen. Was der FC Bayern ohne Landauer wäre? „Nicht das, was er ist.“

Der Meinung sind inzwischen auch die Klub-Obersten, die das lange in Vergessenheit geratene Kapitel – mit Hilfe der Schickeria – seit Jahren aktiv fördern. „Sie erkennen die Symbolwirkung Landauers inzwischen an“, sagt Uri Siegel. Dass dazwischen jahrzehntelang nichts passierte, hat dem Neffen zwar nicht unbedingt gefallen: „Es ist aber nicht mein Stil, hausieren zu gehen.“

Auch der Schirm wird ja nicht jeden Tag durch München getragen. Er ist da, wo er hingehört. Und trotzdem jederzeit greifbar.

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