Melbourne – Manche Sätze klingen lange nach. An einem der letzten Augusttage 2017 verlor Angelique Kerber als Titelverteidigerin der US Open in der ersten Runde, und damit war auch klar, dass sie aus den Top Ten der Weltrangliste fallen würde. Sie versuchte, ihren Frust nicht zu deutlich zu zeigen und verabschiedete sich mit der Botschaft: „Ich gebe nicht auf. Und ich werde stärker zurückkommen.“ Schwer zu sagen, wie sehr sie selbst in dem Moment daran glaubte; als sie ging, standen jedenfalls ein paar sehr große Fragezeichen mitten im Raum.
Am vierten Mittwoch im Januar 2018 knallte Angelique Kerber an der Grundlinie stehend einen Schmetterball ins Feld ihrer Gegnerin, schickte einen kaum weniger mächtigen Schrei hinterher und reagierte auf den gewonnenen Punkt mit einer Intensität und Leidenschaft wie Rafael Nadal. Ein paar Minuten später gewann sie das Spiel gegen Madison Keys nach weniger als einer Stunde (6:1, 6:2), mit diesem Sieg kehrte sie in die Top Ten zurück, und anstelle des Fragezeichens wuchs ein überdimensionales Ausrufezeichen in den australischen Sommerhimmel.
Keine Frage, Madison Keys kann deutlich besser Tennis spielen, als sie es an diesem Mittwoch in Melbourne tat. Aber das ändert nichts an den Ereignissen der Partie, die alles bestätigen, was bisher im neuen Jahr passierte. Vor ein paar Wochen in Perth hatte Kerbers neuer Coach, der Belgier Wim Fissette, gesagt: „Sie soll mit mehr Qualität offensiv spielen, und sie soll überzeugt davon sein, dass sie das auch kann“. Nun, wenn der Schmetterball als Symbol für den Wunsch des Trainers durchgehen kann, dann dürfte es ein sehr interessantes Jahr mit ihr werden.
Die Beschreibungen der besiegten Amerikanerin klangen so, als unterschreibe sie diese These. Was bei vielen Gegnerinnen ein sicherer Ball sei, sagt Keys, das sei bei Kerber anders. „So aggressiv wie diesmal hat sie noch nie gegen mich gespielt. Sie hat angegriffen, sie hat Winner geschlagen. Ich hatte heute auf nichts davon eine Antwort.“
Als sie am Tag vor dem Beginn der Australian Open und einen Tag nach dem Gewinn ihres ersten Titels 2018 gefragt wurde, ob sie sich nun zum Kreis der Favoritinnen in Melbourne zähle, hatte die Kielerin beim Wort Favoritin Ablehnung signalisiert. Zehn Tage später versicherte sie: „Diesen Druck mache ich mir nicht. Den hatte ich letztes Jahr und auch davor. Dieser Druck, den ich mir gemacht habe, stand mir am meisten im Weg.“
Zu diesem Zeitpunkt wusste sie bereits, dass sie schon 24 Stunden später wieder auf dem Platz stehen würde (das Halbfinale gegen die Weltranglisten-Erste Simona Halep aus Rumänien stand Donnerstagmorgen nicht vor 6 Uhr MEZ auf dem Programm). Aber schon vor diesem Spiel stand fest, dass Kerbers Sammlung der Erkenntnisse nach den ersten dreieinhalb Wochen des Jahres höchst vielversprechend ist. Beim Hopman Cup in Perth zu Beginn des Jahres hatte sie noch gesagt, sie habe zwar in der Vorbereitungszeit super gearbeitet, habe aber dennoch keine Ahnung, wo sie gerade stehe. Nach dem 14. Sieg der Saison sind die Konturen klarer. „Mittlerweile weiß ich, dass all das, was ich trainiert habe, richtig war. Dass ich jetzt auch wieder Matches klar gewinnen und umdrehen kann.“
14 Siege sind ein Faustpfand für alles weitere, aber vor allem zählt Angelique Kerbers Gefühl, wieder mit Hunger und Leidenschaft bei der Sache zu sein und im Spiel eine Form von Genuss zu empfinden, nach der sie im vergangenen Jahr so lange vergeblich gesucht hatte. Wie dieser Genuss aussieht? „Dass ich nicht daran denke, was war oder was kommt.“ Sie sagt, sie freue sich natürlich über die Rückkehr unter die Top Ten, womit sie dann auch wieder die besten deutschen Spielerin in der Weltrangliste ist, aber damit ende das Interesse an diesem Thema im Moment. Das Interesse an den ganz speziellen Augenblicken des Spiels ist dagegen so groß wie das Ausrufezeichen, das hinter Schlägen wie jenem Schmetterball stand, den nicht nur die staunende Gegnerin ziemlich bombastisch fand.