Varazdin – Schwer gezeichnet vom blamablen EM-Aus traten Deutschlands Handballer um den angezählten Bundestrainer nach einer kurzen Nacht die vorzeitige Heimreise an. Zwar hält der Deutsche Handballbund (DHB) trotz des sportlichen Debakels in Kroatien vorerst an Coach Christian Prokop fest, doch auf dem Weg zur Heim-WM 2019 muss und will der Verband nun alle Personalien hinterfragen. „Der Trainer steht für mich nicht zur Disposition“, sagte DHB-Vizepräsident Bob Hanning am Donnerstagmorgen vor der Abreise aus dem Teamhotel in Sveti Martin. „Das Ziel ist es, mit ihm weiterzumachen.“
In den kommenden vier bis sechs Wochen wird der DHB die verkorkste EM, die nach dem neunten Platz bei der WM zum zweiten sportlichen Reinfall innerhalb von zwölf Monaten wurde, intensiv aufarbeiten – Ausgang offen. „Im Vorjahr haben wir auf eine Analyse verzichtet, weil es danach einen Umbruch gab. Dieses Mal werden wir das sehr ehrlich und hart mit uns ausmachen müssen, mit den Trainern, dem Präsidium und der Mannschaft“, kündigte Hanning an und stellte klar: „Es gibt eine unverhandelbare Vision: Wir wollen eine WM-Medaille und Olympia-Gold. Das werden wir ab heute angehen.“
Prokop, der einen Vertrag bis 2022 besitzt, schließt einen freiwilligen Rückzug aus. „Ich mache mir überhaupt keine Gedanken über einen Rücktritt, weil auch ich Großes vorhabe“, betonte der 39-Jährige. Dafür will er künftig keine Kompromisse eingehen – wenn man ihn lässt. „Ich habe eine klare Vorstellung von einer Spielphilosophie. Ich möchte eine Mannschaft sehen, die mit viel Tempo spielt und nicht ausrechenbar ist“, formulierte er den Anspruch.
Dem wurde die DHB-Auswahl bei der EM nie gerecht. Der entthronte Europameister war nur ein Schatten der Glanztage von Polen, wo sich die Mannschaft vor zwei Jahren als unerschütterliche Einheit präsentiert hatte.
Der Auftritt am Mittwoch beim 27:31 gegen Spanien war desaströs – und die Frage lautet: Auf welche Spieler setzt Prokop künftig, sollte der Verband auch nach der eingehenden Analyse an ihm festhalten. Denn atmosphärische Störungen zwischen dem Trainer und dem Team waren in den Tagen in Kroatien nicht zu übersehen – auch wenn dies niemand offen zugeben wollte.
Roth kritisiert Prokop
Trainer Michael Roth vom Bundesligisten MT Melsungen meinte: „Man muss kein Handball-Fachmann sein, um zu sehen, dass es zwischen Trainer und Mannschaft nicht richtig gepasst hat.“ Der Ex-Nationalspieler sprach von Vertrauensverlust zwischen Team und Trainer. „Vertrauen ist aber die Basis zum Erfolg. Da ist viel Porzellan zerschlagen worden.“ Auch habe man Prokop „die fehlende Erfahrung angemerkt“, sagte Roth.
Prokop selbst gab zu, dass er auf einige Dinge nicht vorbereitet war. „Ich habe hier viele negative Erfahrungen gemacht“, räumte er ein. Von einem Zerwürfnis mit der Mannschaft wollte er aber nichts wissen: „Wir hatten ein stimmiges Verhältnis.“
Davon war auf dem Parkett aber nichts zu sehen. Leistungsträger wie Gensheimer, Groetzki oder Pekeler riefen ihr Potenzial nicht ab. Die größte Baustelle war aber der Rückraum, wo kein Spieler konstant auftrat. Doch eben auch der Trainer selbst machte Fehler. Erst unterschätzte Prokop die Auswirkungen der Nicht-Nominierung von Finn Lemke. Dann sorgte er mit stetigen Personalwechseln für zusätzliche Unruhe. „Das Risiko, einen international unerfahrenen Trainer zu verpflichten, hat sich bei dieser Europameisterschaft nicht ausgezahlt“, lautete die kritische Bilanz von Ex-Welthandballer Daniel Stephan.
Ein Jahr vor der Heim-Weltmeisterschaft steht der DHB nun am Scheideweg.