Die gläserne Wand eingetreten

von Redaktion

Auch bei ihrer Niederlage in einem sagenhaften Match gegen Halep zeigt Kerber, dass sie wieder voll da ist

Von Doris Henkel

Melbourne – Es gibt ja Phasen im Leben, in denen man alles wie durch eine Glasscheibe sieht. Die Sonne sieht, aber die Wärme auf der Haut nicht spürt; den Regen erkennt und das Geräusch der Tropfen nicht hört und die Stimmen der Menschen hinter der Scheibe nicht versteht. Es kann ziemlich einsam werden in dieser gläsernen Isolation, und deshalb ist es wichtig, das Haus zu verlassen. Sich draußen in den Wind zu stellen, selbst auf die Gefahr hin, umgerissen zu werden. Es war ein großartiger Sturm, der Angelique Kerber am Donnerstag in Melbourne in die Knie zwang, und obwohl sie das Spiel im Halbfinale der Australian Open gegen Simona Halep aus Rumänien verlor, ist nun wieder so viel Leben in ihrem Spiel und so viel Spiel in ihrem Leben, dass sich die Konkurrenz auf ein spannendes Jahr 2018 gefasst machen sollte.

Zwei Stunden und 20 Minuten dauerte die Partie, und mit Ausnahme der ersten Viertelstunde, in der Kerber unendlich müde wirkte, begegneten sich zwei Athletinnen auf Augenhöhe, die sich an ihre Grenzen trieben und manchmal auch darüber hinaus. Mit Ballwechseln von stahlharter Intensität fesselten sie das Publikum, das beim Zuschauen fast keine Luft mehr bekam. Wie es einem unten auf dem Platz geht, wenn nach dem 20. Schlag aus vollem Lauf doch noch mal ein Geschoss von der anderen Seite zurückkommt, obwohl bei beiden die Luft in der Lunge wie Feuer brennt?

Es gab viele Momente, in denen man Angelique Kerber ansah, dass die Spiele der vergangenen Wochen eine Menge Kraft gekostet hatten. Vier Einzel und viermal Mixed mit Alexander Zverev beim Hopman Cup in Perth in der ersten Woche des Jahres, fünf Spiele und der Gewinn des Titels in der zweiten in Sydney und nun sechs in knapp zwei Wochen in Melbourne – das war ein extrem strammes Programm. Aber selbst, wenn es so aussah, als sei kein einziger Tropfen Sprit mehr in ihrem Tank, erreichte sie nicht nur auf fast unheimliche Art den nächsten Ball, sie drosch ihn auch noch mit Karacho ins Feld. „Ich glaub, das ist das, was mich auszeichnet“, meinte sie hinterher, „ich weiß, dass ich bis zum Schluss alles aus mir heraushole, selbst wenn da gar nichts mehr drin ist. Der Kampf und mein Herz waren einfach da.“

Genau das ist der größte Unterschied zu den verzagten, oft mutlosen Auftritten im vergangenen Jahr, bei denen manchmal ein, zwei Fehler genügten, um den Strom an Energie zu unterbrechen. Selbst der völlig verkorkste Beginn der Partie gegen Halep und die schweren Beine, zwei Matchbälle der Gegnerin beim Stand von 4:5 im dritten Satz, zwei vergebene eigene Matchbälle wenig später bei 6:5 – nichts von all dem konnte ihren Willen brechen. Und genauso war es bei Halep. Kerbers Coach Wim Fissette, mit dem sie seit Anfang Dezember arbeitet und der vom ersten Tag an von ihrer Einstellung im Training beeindruckt war, meinte hinterher: „Sie hat alles gegeben. Mehr kann ich nicht verlangen.“

Warum Halep am Ende mit dem vierten Matchball 6:3, 4:6, 9:7 gewann? Ganz ehrlich? Eine Laune des Schicksals. Dieses umwerfende Drama voller Sturm und Drang hätte zwei Siegerinnen verdient gehabt. Aber weil die Götter des Tennis mit Konsens bekanntlich nichts im Sinn haben, erzwang Simona Halep den letzten Punkt und landete an diesem Nachmittag zum zweiten Mal im Finale eines Grand-Slam-Turniers. Das erste hatte sie im vergangenen Jahr in Paris nach einer klaren Führung gegen die junge Lettin Jelena Ostapenko verloren. Caroline Wozniacki, gegen die sie morgen um den Titel spielen wird (Beginn 9.30 MEZ), wartet seit Jahren mit heißem Herzen auf einen solchen Titel, und die Dänin hat schon zwei Versuche hinter sich. Obendrein wird es in diesem letzten Spiel des Frauenturniers um die Führung in der Weltrangliste gehen, aber beide Kandidatinnen versichern, der Titel habe eindeutig Priorität.

Angelique Kerber wird von diesem Finale nichts mehr sehen. Sie wird am Samstag im Flieger nach Europa sitzen, und es wird kein schöner Flug werden; mehr als 20 Stunden mit den Schmerzen einer Niederlage im Gepäck sind kein Spaß. Aber wenn sie sich von der ersten Dienstreise des Jahres erholt haben wird, wird sie stolz die Scherben der gläsernen Wand zusammenkehren, die sie in Australien eingetreten hat.

Nach dem ersten Spiel des neuen Jahres hatte sie in Perth gesagt: „Ich freu mich darauf, wieder meine Leidenschaft auf dem Platz zeigen zu können und es nicht wieder zu kompliziert zu machen, sondern Schritt für Schritt zur besten Angie zu kommen, die ich sein kann.“ Zum Anfang fehlte nichts weiter als ein allerletzter Punkt.

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