Schiaß, Hansi, schiaß!

von Redaktion

Der Meisterlöwe Hansi Rebele, der heute 75 wird, erzielte eines der wichtigsten Tore der 1860-Vereinsgeschichte

VON ARMIN GIBIS

München – Der Name Hansi Rebele fällt nicht unbedingt als erster, wenn beim TSV 1860 die gute alte Zeit beschworen wird. Die großen Stars der Meistermannschaft von 1966 hießen Radenkovic, Brunnenmeier, Grosser, Konietzka, Perusic, Heiß, Küppers . . . da hatte man es als der Jüngste in der Löwen-Elf nicht leicht, herauszustechen. Doch der Münchner machte sich auf dem linken Flügel als dribbelstarker, emsiger Teamplayer verdient, schaffte es sogar in die Nationalmannschaft – und war immer dabei, wenn es bei Sechzig ums Ganze ging. So auch im Europacup-Halbfinale anno 1965 gegen den AC Turin. Da gelang ihm sogar eines der wichtigsten Tore der Vereinsgeschichte. „Das war ein Highlight für mich“, sagt Rebele, der heute seinen 75. Geburtstag feiert.

Die Sechziger hatten das Hinspiel in Turin mit 0:2 verloren, in der zweiten Partie drehten die Münchner im Grünwalder Stadion den Spieß um. „So eine Stimmung habe ich nie wieder erlebt. Die Fans waren der zwölfte, ja der dreizehnte Mann. Die haben uns von der ersten bis zur letzten Minute nach vorne gebrüllt“, erzählt Rebele. Eine richtige Taktik habe es nicht gegeben, in der Kabine reichten die wenigen markigen Worte von Trainer Max Merkel: „Geht’s raus Buam – und mit Hurra auf die Barrikaden!“ Die Partie endete 3:1, zum fälligen Entscheidungsspiel in Zürich pilgerten die weiß-blauen Fans in kilometerlangen Autokolonnen.

Im Letzigrund-Stadion schlug der große Moment des damals 22-jährigen Hansi Rebele. Turin war überlegen, 1860-Torhüter Petar „Radi“ Radenkovic lieferte einige Weltklasseparaden, nach einer knappen Stunde flog eine Flanke des Rechtsaußens Fredi Heiß vors Turiner Tor. Rebele schildert die Szene so: „Ich hab den Ball mit links gestoppt, um mich herum waren etliche Italiener – da schreit der Fredi: Schiaß, Hansi, schiaß!“ Und der Hansi schoss mit rechts zum 1:0 ins Tor. In der Schlussminute erhöhte „Atom“-Otto Luttrop per Elfer noch auf 2:0. „Der Hansi hat uns den Weg nach Wembley geebnet“, rühmte Heiß die Großtat. Das Finale gegen West Ham United ging zwar 0:2 verloren, das Erlebnis, auf dem sogenannten „heiligen Rasen“ vor 100 000 Zuschauern in London um den Cup-Sieg gekämpft zu haben, aber blieb. „Wembley war weltweit der Inbegriff eines Fußball-Stadions“, schwärmt Rebele noch heute.

Im Jahr darauf dann die Krönung: die erste und bis heute einzige Meisterschaft, die in der 158-jährigen Klub-Historie errungen wurde. Rebele war Stammspieler, als Meisterlöwe sicherte er sich Legendenstatus. Die wohl markanteste Figur war damals – neben dem singenden Keeper Radenkovic – der Trainer Max Merkel. „Wir haben ihm die Meisterschaft zu verdanken“, so Rebele. Dass der Wiener noch im Jahr des Titelgewinns durch eine Spielerrevolte gestürzt wurde, hatte mit seiner – gelinde gesagt – ruppigen Menschenführung zu tun. „Mit Zuckerbrot und Peitsche“, lautet der Titel eines von Merkel verfassten Buches. Rebele meint: „In erster Linie war es mehr Peitsche als Zuckerbrot.“

Den rapiden Niedergang der Löwen führt Rebele auf eine miserable Personalpolitik zurück. „Es wurden fast alle guten Spieler verkauft.“ Er selbst bestritt im März 1969 sein zweites Länderspiel, ein paar Monate später kehrte er den Löwen den Rücken – und schloss sich als Fußball-Amateur dem Bezirksligisten MTV 79 München an. Seinen Profi-Vertrag wollte er nicht verlängern. Der Grund: „Mir wurde vom Verein ein Katastrophen-Angebot gemacht.“ Prompt stieg 1860 ab, Rebele ließ sich 1970 zu einem Comeback überreden, war zwei Jahre lang spielstarker Antreiber im Regionalligateam, seine Karriere ließ er bei Wacker Innsbruck ausklingen, wo er noch zwei Mal das österreichische Double gewann.

Rebele, der später auf dem Schlachthof der familieneigenen Kuttlerei und dann bei der Bausparkasse arbeitete, trifft sich heute noch mit den Meisterlöwen am Stammtisch oder im Grünwalder, wohin die Sechziger in dieser Saison zurückgekehrt sind. Doch die Zeiten haben sich gründlich geändert. Der Meister von 1966 spielt inzwischen in der 4. Liga. Einst kamen bis zu 44 000 Zuschauer, heute haben nur noch 12 500 Platz. „Das Stadion war früher zeitgemäß – jetzt ist es marode“, sagt Rebele, „ein bisserl traurig macht das schon.“

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