So wie einst der Karlsruher SC

von Redaktion

Der FC Bayern hat bei der TSG Hoffenheim gründlich gewildert – das blockiert auch die Entwicklung von Trainer Nagelsmann

VON ANDREAS WERNER

München – Der Karlsruher SC hat am Samstag einen Sieg errungen. 3:1, nicht schlecht, aber mit dem Aufstieg wird es eng, und der Gegner hieß, mit Verlaub, nur SpVgg Unterhaching. Die Badener kicken in der Dritten Liga, dabei hatten sie einst eine Vision, für die sie sogar ihr Vereinswappen neu stylten. Ein schmuckes, nach oben zeigendes Dreieck war das Symbol für den sogenannten „KSC 2000“. Anfang der 90er spielten die Badener im Europapokal, sie schlugen Valencia 7:0, sie träumten, es könnte was entstehen. Ende der 90er stürzten sie ab. Bis in die Regionalliga. 2000 begann ohne den KSC, bis heute ist der Klub nichts weiter als eine Fußnote dieses Millenniums.

Natürlich trägt der FC Bayern an der Entwicklung nicht die Hauptschuld. Seinen Teil steuerte der Meister aber bei. Kahn, Scholl, Tarnat, Fink, Kreuzer, Sternkopf entführten die Münchner, die meisten dieser Spieler wurden an der Isar glücklich. Es galt als logisch, dass die Bayern irgendwann auch Trainer Winfried Schäfer auslösen, er aber wurde nie Münchner. Parallelen zu Hoffenheim? Ja.

So wie einst der Karlsruher SC haben sich die Kraichgauer gut entwickelt, doch auch sie bluten aus. Bei ihnen wird ebenfalls gründlich gewildert, wobei man aber fairerweise sagen muss, dass sich nicht allein die Münchner ungeniert bedienen. Mark Uth wechselt im Sommer zu Schalke, Kerem Demirbay flirtet mit dem BVB – aber in Sebastian Rudy und Niklas Süle haben sich die Bayern mal wieder die Filetstücke einverleibt. Als Dessert holten sie im Winter noch Sandro Wagner nach. Bei ihm ist es wie so oft bei der Nachspeise: Kann man sich eventuell sparen, ist oft überteuert, bringt einen kaum vorwärts.

Wenn die TSG morgen gegen den FC Bayern aufläuft, ist die Wahrscheinlichkeit beträchtlich, dass höchstens Niklas Süle auf Münchner Seite aufläuft. Der Innenverteidiger hat bewiesen, dass ihm die Zukunft gehört. Rudy hingegen droht seit einigen Monaten, in der Versenkung zu verschwinden. Er begann stark, doch im Verlauf der Hinrunde erwiesen sich die Konkurrenten Arturo Vidal, Thiago, Javi Martinez und Corentin Tolisso als zu große Kaliber. Wagner sucht nach der Rückkehr noch seinen Platz.

Hoffenheims Aderlass – im Sommer verabschiedet sich auch die Leihgabe Serge Gnabry nach München – schlägt sich in den Resultaten nieder; nur vier Siege aus 19 Spielen, Platz neun – die Entwicklung blockiert auch Trainer Julian Nagelsmann, der als Erbe von Jupp Heynckes hinter Thomas Tuchel gerutscht ist. Als der „kicker“ traditionell den Coach der Halbserie suchte, stand Domenico Tedesco auf Rang eins, mit Abstand folgte Heynckes, dann kamen Manuel Baum und Heiko Herrlich – Vorjahressieger Nagelsmann wurde unter „Sonstige“ gelistet. Ist er nicht mehr angesagt? Der Hype flacht ab.

Groß irritieren muss das Nagelsmann nicht; noch immer ist er ja jung, mit 30 verdammt jung sogar, noch immer leistet er bemerkenswerte Arbeit, noch immer schwärmen sie alle in Hoffenheim von ihm, vom Reservisten bis zum Mäzen Dietmar Hopp. In München genießt er weiter Wertschätzung, doch die Bosse waren bereits im Herbst einig, dass es bei einem Spieler- und einem Trainer-Talent eine große Gemeinsamkeit gibt. Sie brauchen beide: Praxis.

Nagelsmann steht noch bis 2021 unter Vertrag, ab 2019 könnte er eine Klausel nutzen. Seine Optionen: Abwarten, wie sich Peter Stöger bei Dortmund macht, beim BVB könnte er seine Entwicklung vorantreiben. Oder doch bei der TSG am Team und sich selber feilen – womöglich erliegt Heynckes ja doch noch dem Werben der Bayern-Bosse und verlängert bis 2019. Er werde sich ab sofort zu keinem Klub mehr äußern, sagte Nagelsmann. Das ist weise. Mit seinen kecken Aussagen punktete er bei Uli Hoeneß nicht und verärgerte Hopp. Und Beispiele, wie schwer die Planung der Zukunft im Fußball ist, gibt es genug. Da genügt ein Blick zum KSC.

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