Talente gibt es nicht nur in Ruhpolding

von Redaktion

Tradition hat Biathlon in Ruhpolding. 90 000 Zuschauer hat man dort gerade wieder gezählt während der Weltcup-Tage, 250 Medienvertreter, 700 Athleten aus 33 Ländern. Biathlon boomt. Selbst hier, ein paar Kilometer südlich von Holzkirchen. Auf dem Sportgelände des TSV Hartpenning treffen sich an diesem Samstag wieder neun Talente, die davon träumen, einmal in die Fußstapfen einer Laura Dahlmeier treten zu können, einer Magdalena Neuner, eines Simon Schempp. Der Regen der letzten Tage hat die Loipe weggespült, statt Langlauf steht Crosslauf auf dem Trainingsprogramm, mit Schießeinlagen. Tradition hat Biathlon sogar hier. Und das hängt mit Uschi Disl zusammen.

Georg Jörg aus dem Vorstand des TSV Hartpenning erinnert sich. Damals habe die spätere Olympiasiegerin, rund zehn Kilometer entfernt in Großeglsee aufgewachsen, während ihrer Trainingsrunden die Schießübungen in Pelletsmühl bei den Hartpenninger Schützen absolviert. Und diese motiviert, es doch einmal mit einem Sommerbiathlon zu versuchen. „Die haben dann einen Schießstand gebaut, doch Schützen sind meist keine guten Läufer.“ So also verwaiste die Anlage über die Jahre, bis der Tölzer Hans Krey, 3. Vorsitzender im Skiverband Oberland, vor fünf, sechs Jahren auf die Idee kam, ihn wiederzubeleben. Denn: „Biathlon-Talente gibt es doch nicht nur in Ruhpolding oder Oberhof.“ Sondern auch im Oberland.

Vanessa Hinz zum Beispiel. Die stammt aus Schliersee. Oder der Nachwuchsläufer Marinus Veit, der aus Bayrischzell kommt. „Wer aber im Oberland ernsthaft Biathlon machen will, muss nach Ruhpolding oder Garmisch-Partenkirchen“, jeweils 70 Kilometer einfach, wie Krey vorrechnet. Ein bisschen viel für zwölf- bis 14-jährige Schüler. Deshalb hat man das Projekt Hartpenning in Angriff genommen, im letzten Jahr neben den Sommerschießständen am Sportgelände auch draußen am Wald einen Winterschießstand für Luftgewehre gebaut. Mit Anderl Bichler wurde schließlich ein Trainer engagiert, der selbst erfolgreicher Biathlet war, unter Ricco Groß trainiert hat und unter Tobias Reiter.

„Ein Glücksfall“, so Krey. Erste Erfolge haben sich bereits eingestellt, schon der letzte Winter hat gezeigt, dass man mithalten kann mit den Talenten aus der großen deutschen Biathlon-Zentren. Im Sommer hat Magdalena Frey bei der Leistungskontrolle am Arbersee den Schießwettkampf der U13 gewonnen und Platz zwei in der Verfolgung belegt, „vor den Sportlern aus Oberhof, Ruhpolding und Oberwiesenthal“, für Krey ein deutliches Zeichen, dass man „auf dem richtigen Weg“ ist.

Der aber ist hart, knüppelhart. Hartpenning ist kein Landesleistungszentrum, bekommt keine finanzielle Unterstützung von Bayerischen oder Deutschen Skiverband, „wir bestreiten alles in Eigenregie mit Elternhilfe, Kleinsponsoren und ganz viel Herzblut“, man hat im Winter weite Reisen, bis nach Thüringen und Sachsen. Frey betont, dass es Eltern trotzdem im Jahr „nur“ 300 Euro kostet, ein Schnäppchen im Vergleich zu den Alpinen. Das spricht sich herum, immer wieder erhält er nun Anfragen, „die Nachfrage ist groß, aber wir haben halt nicht mehr Gewehre.“

Ideale Basis für Biathlon ist ohnehin erst einmal der Langlauf, sagt Anderl Bichler: „Wer beim Raiffeisencup vorne dabei ist, hat dann auch gute Chancen im Biathlon.“ Auch Leichtathleten hätten es schon versucht, „das aber funktionierte nicht“, wobei, Franziska Preuß, weitab der Zentren in Albaching groß geworden, kam von der Leichtathletik. Frey appelliert an die Vereine, „Langlauf und Biathlon müssen zusammenarbeiten, Konkurrenzdenken hat da keinen Platz. Wir benutzen die selben Loipen, die selben Ski, machen gemeinsame Trainingslager.“

Man muss auch nicht sofort zum Biathlon. Die Beispiele Kati Wilhelm, Evi Sachenbacher-Stehle oder zuletzt Denise Herrmann hätten gezeigt, „dass Schießübungen mit dem Luftgewehr in den jüngeren Altersklassen nicht unbedingt Grundvoraussetzung sein müssen für eine erfolgreiche Karriere“, sagt Björn Weisheit, der sportliche Leiter Biathlon im Deutschen Skiverband. Deshalb sei der Schülercup vom reinen Biathlon-Wettkampf auf gemischte Wettkämpfe umgestellt worden, „bei denen vor allem läuferische Fähigkeiten und auch der Spaß nicht zu kurz kommen.“

Gerade aber das Schießen macht dem Nachwuchs großen Spaß, damit lässt sich auch viel Abwechslung in den Trainingsablauf bringen. Bichler erzählt von „Schießstaffeln“, die er gerne an harte Einheiten anhängt: „Zwei Teams schießen gegeneinander, jeder Schütze hat fünf Schuss, dann schießt der nächste. Wer nicht trifft, bekommt Strafzeiten.“ Damit habe schon er früher „richtig viel Gaudi“ gehabt. Und seinen Schützlingen geht es ähnlich.

Natürlich ist das Training nicht immer nur lustig, schon für die Schüler ist Biathlon zum Ganzjahressport geworden. „Im Sommer wird mit Kraft und Ausdauer die Grundlage gelegt, im Winter geht es dann vor allem noch um Schnelligkeit.“ Und den richtigen Bewegungsablauf am Schießstand, um die Fähigkeit, trotz eines anfänglichen Puls von 170 runterzukommen und zu treffen. Gerade das aber mache die Faszination dieses Sports aus, sagt Bichler. „Im Langlauf kommst du nicht so leicht an einem Gegner vorbei, im Biathlon aber kann sich beim Schießen alles ganz schnell drehen. Selbst in der letzten Runde noch, es bleibt spannend bis zum Schluss.“

Schließlich muss beides passen, Laufen und Schießen, Magdalena hat das erst neulich wieder beim Bayerncup in Finsterau zu spüren bekommen: Gleich zweimal hat sie vergessen, die Mündungsklappe am Gewehr runterzuklappen, weshalb gleich mal die ersten Schüsse daneben gingen. Ärgerlich, genauso wie der Fauxpas der Kollegin Anna Berger, die eine Strafrunde zu viel gelaufen ist. Diese Konzentrationsmängel raubten Bichler den letzten Nerv: „Solche Leichtsinnsfehler müssen wir unbedingt abstellen, es wäre mehr möglich gewesen.“

Der Trainer aber spürt, dass alle seine Schützlinge wollen, dass sie hochmotiviert sind, alle auch talentiert. Hier in Hartpenning will er ihnen den Weg ebnen in die Leistungszentren, Vanessa Hinz, die hier regelmäßig beim Nachwuchs vorbeischaut, ist das Vorbild. Hans Krey versucht, die Voraussetzungen weiter zu verbessern, „ein Kleinkaliber-Schießstand in einem schneesicheren Gebiet, das wir im Oberland ja haben“, ist sein Traum, etwa in Kreuth, doch davor stehen hohe bürokratische Hürden. Aber auch in Hartpenning hat man recht gute Möglichkeiten vorgefunden, selbst eine Halle steht zur Verfügung, wenn mal wieder das Wetter nicht mitspielt.

Die Besten aus Bichlers Team werden dann nach der Schülerzeit nach Ruhpolding wechseln oder nach Kaltenbrunn, oberhalb von Garmisch-Partenkirchen, wo Bernhard Kröll Magdalena Neuner formte und Laura Dahlmeier. Generell aber sei es immer schwieriger geworden, „talentierte junge Menschen zu finden, die bereit sind, alles andere aufzugeben für den Sport“, hat Kröll erkannt. Projekte wie das in Hartpenning könnten helfen, die sprudelnde Talentquelle des deutschen Biathlon nicht versiegen zu lassen. Anderl Bichler weiß aus eigener Erfahrung, wie aufwändig es ist, aus dem Oberland nach Kaltenbrunn zu fahren, fünf Jahre hat er das gemacht, zweimal pro Woche, „und am Wochenende dann ein Wettkampf“.

Es kann sich lohnen. Hans Frey jedenfalls würde nichts mehr freuen, als noch mehr Talente aus dem Oberland nach oben abgeben zu können. Dafür hat er nun schon so viel investiert. Vor allem viel Herzblut.

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