Garmisch-Partenkirchen – Aus dem siebten Himmel kam Thomas Dreßen gestern wieder in der Normalität an. 100 Zuschauer spendeten artig Applaus, als der Kitzbühel-Held beim ersten Trainingslauf im Ziel der Garmischer Kandahar eintraf. Die Pressevertreter begrüßte er später mit einem fröhlichen „Mahlzeit!“. Als ob nichts gewesen wäre. Thomas Dreßen war immer noch Thomas Dreßen pur, auch fünf Tage nach dem Ritterschlag auf der Streif.
Ob es gelungen sei, schon wieder runterzukommen nach den turbulenten Tagen seit seiner Schussfahrt ins Glück? Auch wenn es schwer zu glauben sei, „ich habe nicht oft an Kitzbühel gedacht“. Außer, wenn er mal zur Ruhe kommen wollte und den Fernseher einschaltete. Weil neben dem TV-Gerät erst mal die Goldene Gams steht, bis ein ehrenvollerer Platz gefunden sei. Aber wenn er die Trophäe sieht, „fällt es mir immer noch schwer, das zu glauben. Das kommt wahrscheinlich erst nach der Saison.“ In der er noch einiges vorhat, erst mal in der Heimat bei der Weltcup-Abfahrt in Garmisch-Partenkirchen (morgen, 11.45 Uhr), dann zwei Ecken weiter, bei Olympia in Korea.
Niemand musste befürchten, der 24-jährige Mittenwalder flippe nun aus. Einige TV-Auftritte absolvierte er souverän sympathisch, sein Handy ließ er erst mal liegen, weil es vor lauter Nachrichten fast explodierte. „Ich habe geschaut, erst mal zur Ruhe zu kommen“, sagt Dreßen und bittet um Entschuldigung, wenn er noch nicht allen Gratulanten antworten konnte, nur den engsten Vertrauten. „Alle zu beantworten, ist unmöglich“, vor allem bei Facebook: „Ich weiß nicht, wieviele Tausend mir da geschrieben haben.“
Zurück im normalen Leben, Kitzbühel ist Schnee von gestern. Jetzt heißt es Kramersprung statt Mausefalle, Himmelreich statt Hausberg. Dreßen wird inzwischen als Nummer drei der Abfahrts-Charts notiert hinter Beat Feuz (Schweiz) und Aksel Lund Svindal (Norwegen), sogar als Neunter des Gesamtweltcups, aber zu glauben, für einen Kitzbühel-Sieger werde Garmisch ein Selbstläufer, sei trügerisch. Im gestrigen Training, einem besseren Einfahren, kam er mit der siebtbesten Zeit ins Ziel, 1,79 Sekunden langsamer als der Südtiroler Christof Innerhofer.
Die große Kunst bestehe nun darin, sich mental wieder mit der Strecke anzufreunden, nach den Strapazen von Wengen und Kitzbühel sich auch der Kandahar mit höchster Aufmerksamkeit zu widmen. Viele der Läufer „sagen sich nach Kitzbühel: Geschafft, großartig, erst mal durchschnaufen“. Genau diesen Fehler will Dreßen vermeiden, „das spielt es hier auf der Kandahar nicht. Man hat ja letzten Jahr gesehen, was alles passiert“ bei fehlender Konzentration bis zur letzten Sekunde (siehe unten). „Es weiß jeder, dass es in Garmisch knackig zur Sache geht“, sagte er gestern nach den ersten Eindrücken von der Strecke. „Vor dem Seilbahnsprung sind ein paar Schläge drin“, die ganze Sache sei ein bisserl unruhig, ,„Garmisch“, sagt Dreßen, sei „nicht viel weniger herausfordernd als Kitzbühel“. Aber nichts, das ihn aus der Ruhe bringen könnte.
Es wird ein besonderes Rennen für Thomas Dreßen, nicht nur der erste Auftritt als Kitzbühel-Sieger. Es steht die Generalprobe für die Olympischen Spiele an, sein Heimrennen, bei dem ihn die Familie und der eiligst gegründete Fanklub aus Mittenwald anfeuern werden, „was mich extrem freut“.
Erst zwei Weltcupabfahrten hat Dreßen hier bestritten, mit Platz 37 (2016) und 32 (2017), aber heuer ist ja alles anders. Also ist ein weiteres heldenhaftes Kapitel auch nicht ganz auszuschließen: In Garmisch hat seit 26 Jahren kein Deutscher mehr die Abfahrt gewonnen. Der letzte war: Markus Wasmeier.