München – Swansea City hat im englischen FA-Cup mit einem 8:1 über Notts County für Furore gesorgt. Die Waliser, die in der Premier League um den Klassenerhalt fürchten, feierten ihren höchsten Sieg in dem Wettbewerb, die „Daily Mail“ titelte: „Swansea tobt sich aus!“ Die „Schwäne“ zählen eigentlich nicht zu den Klubs, die der FC Bayern besonders verfolgt. Seit man den Briten im Sommer aber das Sorgenkind Renato Sanches anvertraut hat, hat sich das verändert. In den Berichten über den Einzug ins Achtelfinale jedoch tauchte der Name des Portugiesen nicht auf. Sanches pausiert schon eine ganze Weile wegen einer Oberschenkelverletzung.
Ein halbes Jahr nach dem Beginn des Leihgeschäfts ist der 20-Jährige, der den Bayern nach der EM 2016 stolze 35 Millionen Euro plus X wert gewesen ist, weiter denn je davon entfernt, sich für den deutschen Marktführer einzuspielen. Die Waliser befinden sich im Aufwind – ohne ihn. In den vergangenen neun Spielen verloren sie nur ein Mal, sie haben sich vom letzten auf den drittletzten Platz hochgearbeitet. Der Beitrag des jüngsten Spielers, der je in einem EM-Finale eingesetzt wurde, beläuft sich auf null. Bisher steht er bei bloß zwölf Einsätzen. Sehr, sehr mager.
Eine Münchner Delegation hatte im Dezember regelrecht Glück, Sanches bei einem Besuch in England im Einsatz gesehen zu haben. Im Wintertrainingslager in Katar hatte Hasan Salihamidzic erzählt, man habe ihn bei einer Partie vor Ort beobachtet. Man halte Kontakt zu ihm, sagte der Sportchef, und die Situation sei unverändert. Im Sommer, so der Plan, soll der Rohdiamant wieder zurück. Nur erscheint es inzwischen mehr als unrealistisch, dass er bis dahin noch den erhofften Feinschliff erhält, um das Juwel zu werden, das man eigentlich in ihm gesehen hat.
Es lief alles gar nicht so wie geplant. Die Münchner hatten sich für Swansea entschieden, weil die Chancen, Spielpraxis zu bekommen, bei einem kleinen Klub besser stehen. Zudem bauten sie auf Paul Clement, den langjährigen Assistenten von Carlo Ancelotti, der bei den Briten als Chef angeheuert hatte und Sanches schon aus München kannte. Nur wurde er im Dezember durch Carlos Carvalhal ersetzt. Seitdem ist Swansea im Aufwind – und für Sanches wurde es schwerer.
Wobei: leicht war es für den Portugiesen nie, erzählte Clement dieser Tage der „Times“. Seine Schilderungen lesen sich wie Diagnosen eines Psychoanalytikers, sie klingen erschütternd. „Als Renato hier ankam, war er noch kaputter, als ich dachte. Er war wirklich traurig. Ein Junge, der das Gewicht der großen Welt auf seinen Schultern trug“, sagte der 45-Jährige. Im Training, wenn es gar keinen Druck gab, sei er oft „der beste Spieler“ gewesen, „dann, in den Spielen, sah ich die Entscheidungen, die er traf: Er schoss zum Beispiel aus 40 Metern und aus spitzem Winkel aufs Tor – und er machte diese Fehler immer wieder.“
Sanches geriet laut Clement „in einen Kreislauf aus falschen Entscheidungen. Die anderen Profis sagten zu mir: ,Der spielt sich so etwas zusammen, und du stellst mich nicht auf?’ Es wurde immer schwieriger.“ Clement hatte irgendwann keine Argumente mehr; Sanches fiel durch.
Es scheint schwer denkbar, dass sich der Europameister wieder fängt – zumal Clement zwischen den Zeilen erkennen ließ, dass der junge Mann seine Situation nicht professionell einschätzt. Namhafte Klubs hatten um ihn gebuhlt, aber Bayern wollte ihn nicht verkaufen. Er sollte zu einem kleinen Klub, für Spielpraxis. Sanches war da laut Clement nicht so begeistert: „Er dachte, er wechselt zu Manchester United, Chelsea oder Paris. Bayern aber sagte zu ihm: Dahin gehst du nicht. Da wäre es dieselbe Situation, du kämst nicht zum Einsatz.“ Und jetzt wird er sogar beim kleinen Swansea City vom Gewicht der großen Welt erdrückt.