Ewig junge Romanfigur

von Redaktion

Arjen Robben hat vermutlich irgendwo einen Spiegel, dessen Abbild an seiner Stelle alt wird

VON ANDREAS WERNER

München – Gut, seine Haare sind weg. Nahezu zumindest. Aber dieser Prozess setzte bereits Mitte 20 ein, das Tempo bis zum Kahlschlag war beachtlich. Ansonsten ist dieser Arjen Robben ein Mysterium, das nicht erst seit heute besungen wird: ewig jung, nie alternd, so zeitlos wie eine Romanfigur. In Oscar Wildes „Bildnis des Dorian Gray“ besitzt der Protagonist ein Porträt, das statt seiner altert. Vermutlich ist es beim Top-Star des FC Bayern ähnlich.

Während Gray im Roman immer maßloser und grausamer wird, bleibt sein Äußeres makellos. Auch hier ergeben sich Parallelen, denn für seine Gegner bleibt der Niederländer im hohen Alter ein Horror. Beim 6:0 über Paderborn zeigte sich einmal mehr, was das Spezielle an diesem Mann ist: Selbst beim Stand von 4:0 suchte er weiter den Weg zum Tor, unerbittlich. Robben gab keine Ruhe, obwohl der Drittligist schon längst gebrochen war. Die beiden abschließenden Münchner Treffer gingen folgerichtig auf sein Konto.

Es gab in Paderborn so viele typische Arjen-Robben-Momente, dass es schwerfällt, sich eine Partie des FC Bayern ohne sie vorzustellen. Der Niederländer tobte nach einer vermeintlichen Fehlentscheidung des Schiedsrichters, als habe der ihm gerade das entscheidende Tor im Finale der Champions League aberkannt. Beim 5:0 versenkte er den Ball im Winkel in der für ihn berühmten Flugkurve, für die es eigentlich längst einen eigenen Fachterminus bräuchte wie einst bei Manfred Kaltz’ Bananenflanken. Die Krönung zum 6:0 war ein Spaziergang mit dem alten Kumpel Frack Ribery.

Robben ist vor zwei Wochen 34 Jahre alt geworden.

In so einem Alter gehen Fußballer in längst entschiedenen Pokalspielen gegen Drittligisten meist nicht mehr in die Vollen. Zudem regen sie sich

Müller: „Ich bin bald wieder einsatzbereit“

nicht über Pfiffe eines Unparteiischen auf. Robben tickt anders. Dabei hat er sogar bereits einmal das entscheidende Tor in einem Finale in der Champions League erzielt.

Der „Dorian Gray“ des FC Bayern will seine Geschichte wiederholen, in seinem Roman sind noch ein paar Seiten frei. Die Bosse haben mit ihm neulich gesprochen, ob es über das Saisonende hinaus auch noch ein paar gemeinsame Kapitel geben soll. Karl-Heinz Rummenigge sagte in Paderborn, es herrsche kein Druck, auch nicht in den Fällen Ribery, Rafinha und Sven Ulreich, bei denen die Verträge ebenfalls auslaufen. Im Februar, so der Vorstandschef, werde noch keine Entscheidung getroffen.

Wie wichtig Robben ist, ist unübersehbar. Als sich Thomas Müller nach 30 Minuten auswechseln ließ (gestern ließ er via Twitter verbreiten: „Ich werde bald wieder einsatzbereit sein, keine Sorge!“), übergab er die Kapitänsbinde ganz selbstverständlich dem Niederländer. „Für mich“, erklärt Jupp Heynckes, „ist er jetzt so gut wie nie zuvor. Er ist ein großes Vorbild für junge Spieler, die mal Karriere machen wollen.“ Viele Talente, findet der Trainer, hätten Qualität, wüssten aber nicht, wie man sich professionell verhält.

So erscheint ein weiteres Jahr mit Robben sinnvoll. Den Bossen ist nicht entgangen, wie schwer der Umbruch auf Top-Niveau ist. Douglas Costa fiel durch, Kingsley Coman brauchte fast zwei Jahre Orientierungsphase, die Leihgabe Serge Gnabry wirft in Hoffenheim die Frage auf, ob sie Bayern-tauglichkeit hat. Robben ist auch als Pate für potenzielle Erben wertvoll.

Aus Italien wird vermeldet, Amin Younes habe Neapel einen Korb gegeben, weil die Bayern locken. Der Nationalspieler von Ajax Amsterdam soll für fünf Millionen Euro zu haben sein. Ob der 24-Jährige Bayern-Format besitzt? Schwer zu sagen. Mehr Haare hat er, freilich. Aber Robben gibt ja auch ohne sie ein imposantes Bild ab. Schon ewig.

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