München – Es war noch gut ein Jahr bis zu den Olympischen Winterspielen, und der Slogan dieser Zeit lautete „America First“. Und kurz vor der Eröffnungsfeier der Spiele schreibt eine Zeitung: „Sie fallen in eine Zeit, in der die ganze Welt von Krisen aller Art heimgesucht wird.“
Die Tonlage 2018? Das vielleicht auch, doch die Parolen stammen von 1931 und 32.
Lake Placid in den USA war Austragungsort der dritten Olympischen Winterspiele. Es herrschte Weltwirtschaftskrise, die große Depression. Im Gespräch war, Olympia einfach zu verschieben, bis es allen wieder besser ging. Und der berühmte Verleger Randolph Hearst befand in frühem Trump-Stil, nun müsse das Land an sich zuerst denken: America First! Auf ihn geht es zurück.
Die Olympischen Winterspiele 1932 haben dann doch wie geplant in Lake Placid stattgefunden, US-Präsidentschaftskandidat Theodor Roosevelt versprach sich Bilder von ihnen, die für sein Image förderlich sein würden. Am Ende beim Kassensturz aber die Ernüchterung: Vier Millionen Dollar betrug das Minus der Veranstaltung.
Früher war bei Olympia nicht alles besser, sondern in den Anfängen schon wie heute – das ist der Gedanke, der einem kommt, wenn man Klaus Zeyringers Buch „Olympische Spiele. Eine Kulturgeschichte. Winter“ (Verlag S. Fischer) liest.
Zum Beispiel: Immer schon wurde geklagt, dass der Winter kein richtiger zuverlässiger Winter mehr ist. 1928 litt St. Moritz im Februar trotz seiner Höhenlage (1800 Meter) unter einem Wärmeeinbruch. Bis zu plus zehn Grad hatte es, der 50-Kilometer-Skilanglauf musste in einer Matsch-Landschaft stattfinden.
Vier Jahre später fehlte Lake Placid der Schnee, man brachte ihn per Zug aus Kanada herbei. Der Langlauf fand auf einem weißen Band in grüner Kulisse statt.
1948, als St. Moritz abermals dran war, wurde es von einem Föhneinbruch geplagt, Eishockeyspiele mussten auf die frühen Morgenstunden verlegt werden, um noch von der kühleren Nacht zu profitieren. Das Spiel Österreich – Großbritannien sahen zehn Zuschauer – olympischer Allzeit-Negativrekord.
Oder: Die Erkenntnis, dass Olympia das Leben teurer macht. 1928 in St. Moritz stieg der Preis für eine Kutschenfahrt zwischen den Ortsteilen von drei auf zwanzig Franken. Das Merchandising nimmt Fahrt auf: Baskenmützen werden verkauft, auf denen die fünf Olympischen Ringe prangen. Aus den umliegenden Gemeinden flüchteten die Einwohner während der olympischen Zeit in Urlaub. Die Medien kritisieren das IOC, dass es nur am Ausflugsprogramm interessiert gewesen sei – und, so Buchautor Zeyringer: „Das Ideal sei hinter dem Lokalen verschwunden, die Sportbewegung im Trubel untergegangen.“ 1948 bekam Olympia den ersten Fernsehvertrag. Und die Liveübertragung in die USA fand den ersten Presenting Sponsor: Es war die Automarke Chevrolet, die Olympia im amerikanischen TV ermöglichte. 1956 begann die Ära der Olympia-Sponsoren: Durch Cortina d’Ampezzo wurde auf Autos von Fiat gefahren, die Schreibmaschinen im Pressezentrum stellte Olivetti.
Auch ein Thema: Olympia wird als Tourismusfaktor gesehen. Das war schon 1924 bei den Wintersportwochen in Chamonix so, die nachträglich als die ersten Olympischen Winterspiele ausgewiesen wurden (die Medaillen prägten die Organisatoren auch erst nach den Spielen und verschickten sie per Post). St. Moritz veränderte durch die Spiele von 1928 und 48 sein Gesicht, Oslo brachten die Spiele 1952 einen Zuwachs von 90 Prozent an Touristen.
Heiß diskutiert wurde auch bei frühen Ausgaben der Winterspiele die Frage: Sind das alles Amateure? 1924 hatten die Sportler ihre Gerätschaften durch Chamonix getragen, das war auch später noch die bevorzugte Form der Eröffnungsfeier – und sah lieblich aus: Menschen, die ihrer Leidenschaft nachgehen. Oder doch ihrem Job?
Skilehrer durften in den 20er-, 30er- und 40er-Jahren nicht antreten, sie galten als Profis. Jedoch waren Soldaten zugelassen – mit der Militärpatrouille, einem Vorläufer des Biathlons, hatten sie eine eigene Sportart im Olympia-Programm. Auch um Toni Sailer, den Dreifach-Gold-Star von Cortina d’Ampezzo 1956 gab es Gerüchte, dass er viel Geld verdiene mit seiner aus dem Sport erwachsenen Popularität. Die Firma Kneissl nutzte ihr Wissen und zwang Toni Sailer nach zwei Goldmedaillen mit dem Konkurrenzfabrikat Kästle während der Spiele zum Umstieg auf ihre Marke. So wild würde es nicht mal heute in Zeiten des Hochkommerzes zugehen.
Und was seinerzeit auch ein Vorgriff auf die modernen Zeiten war: Mit neuen Sportarten sollte das Interesse an den Winterspielen gesteigert werden. 1932 gab es im Eisschnelllauf ein Rennen mit Massenstart (wird 2018 wieder eingeführt), die Norweger tobten: „Sportparodie.“ 1948 gab es als Demonstrationswettbewerb einen „Winter-Pentathlon“, bestehend aus Langlauf, Abfahrt, Degenfechten, Geländeritt im Schnee und Pistolenschießen auf Menschenfiguren.
Setzte sich dann aber nicht durch. Olympia blieb in diesem Punkt vernünftig.