München – Dass es mit Pyeongchang und ihm nicht klappen würde, hat Julian von Schleinitz früh geahnt. Anfang Dezember, als die Weltcup-Saison gerade erst richtig losging, war sie für den Rodler vom Königssee schon wieder vorbei. In einem der drei Rennen, die er bestritt, war sein Schlitten zu schwer, ein anderes Mal war der Sportler zu langsam, und dass er zum Auftakt in Innsbruck nach dem ersten Lauf Drittschnellster war, erfreute ihn auch nur kurz. Im zweiten fiel er auf Rang 22 zurück.
Dass er am Ende doch noch die Reise nach Südkorea antreten würde, erfuhr von Schleinitz (26) Wochen später auf Umwegen. Der Sender Eurosport fragte beim Schlittensportverband BSD an, ob man nicht einen Athleten wisse, der als Experte in Frage käme. Auf ihn zu kommen, lag dann praktisch auf der Hand. Julian von Schleinitz kennt den Rodel-Alltag, er ist im Herbst selber noch die Olympiabahn hinuntergerast, und dass er die Feinheiten seiner Sportart erklären kann, darf man ihm getrost zutrauen. Im Sommer hat er sein Ingenieur-Studium mit dem Master in Materialwissenschaften abgeschlossen.
Langsam, sagt er, „bin ich darüber hinweg“, dass es mit den Spielen erst auf Umwegen hingehauen hat. Es gab Winter, da hätte er selbst im hochklassigen deutschen Kader die Qualifikation geschafft. Dummerweise waren das keine Olympiawinter. Weil er aber eh schon eine Weile mit dem Gedanken spielt, nach dieser Saison aufzuhören, hat er sich entschlossen, das Ganze nun positiv zu sehen. Sollte im Frühjahr wirklich Schluss sein, wäre Pyeongchang allemal ein schönes Finale.
Sein persönliches Ziel hat Julian von Schleinitz für die nächsten Wochen klar definiert: „Keinen Blödsinn erzählen und die technischen Aspekte rüberbringen, ohne zu überfordern.“ Den ersten Auftritt hat er bereits hinter sich, mit überzeugendem Ergebnis. In einem zweiminütigen Erklärstück stellt er die Bahn im Alpensia Sliding Centre vor, mitsamt der berühmt-berüchtigten Kurve 9, an dem sich alles entscheiden wird, und dem Hüpfer zwischen den Kurven 13 und 14. Seine Beschreibungen sind verständlich, seine Sprache präzise.
Wenn die Wettbewerbe beginnen, wird er im Zielraum stehen und für Analysen und Einschätzungen zugeschaltet werden. Er kennt die Athleten und auch ihre Biographien. Nur bei einer Starterin und ihrer ganz speziellen Geschichte könnte er ein bisschen befangen sein. Die gebürtige Sächsin Aileen Frisch, die vor zwei Jahren die südkoreanische Staatsbürgerschaft annahm, ist nicht nur die Spitzenrodlerin des Gastgeberlandes. Sondern auch Julian von Schleinitz’ Freundin. marc beyer