„Das Zeug zu Europas Fußballer des Jahres“

von Redaktion

Talentschmied Richter über Goretzkas Parallelen zu Matthäus, den Schalk im Bald-Bayern und Schoko als Schlafmittel

München – Beim Gastspiel von Schalke 04 am Samstag beim FC Bayern wird Leon Goretzka im Fokus stehen. Im Sommer wechselt er zu den Münchnern. Der 22-jährige Nationalspieler gilt als Zukunft des deutschen Fußballs. Gereift ist er beim VfL Bochum. Alexander Richter, Chef des „Talentwerks“ des Revierklubs, hat Leon Goretzka von klein auf gefördert.

-Herr Richter, alles schwärmt derzeit von Goretzka – doch der VfL Bochum gilt schon länger als starke Talentschmiede.

Den einen oder anderen haben wir rausgebracht, da haben Sie Recht. Leon ist wieder eine Bestätigung unserer Arbeit des ganzen Teams, von den Trainern über die Fahrer bis zu den Leuten, die hier die Bratwurst am Grill drehen. In etwa sind 100 Personen beschäftigt, um unsere Talente auszubilden. Jetzt ist Leon im Blitzlicht, aber mir geht auch das Herz auf, wenn ich zum Beispiel Ilkay Gündogan bei Manchester City sehe. Der hat auch bei uns angefangen.

-Thorsten Legat, Yildiray Bastürk, Joel Matip, Lukas Klostermann oder Kevin Vogt machten auch ihre ersten Schritte beim VfL. Was zeichnet die Bochumer Nachwuchsarbeit aus?

Nun, einige der Namen waren vor meiner Zeit. Aber als ich hier 2008 angefangen habe, haben wir die Abteilung modernisiert: Eine Datenbank aufgebaut, Videoanalyse eingeführt, Leistungsdiagnostik intensiviert, sportpsychologische Betreuung installiert. Wir hatten einen Stern in der Nachwuchsarbeit, jetzt haben wir drei Sterne. Unser Geheimnis ist Authentizität, Echtheit. Wir sind Bochumer und bauen auf Talente aus der Region. Wir liegen uns mitunter dabei schon auch mal in den Haaren, aber Streitkultur ist ja wichtig. Bei uns ist kein Spieler eine Nummer, und das ist keine Floskel. Wir fahren auch mal nach Hause und schauen, wie die Jungs so leben. Man muss Talente fußballerisch und genauso in ihrer Persönlichkeit fördern.

-Wie sehen Sie den FC Bayern Campus?

Na, was soll ich Ihnen sagen? Das ist bombastisch, da kommen wir natürlich nicht ran. Aber wir stellen deshalb jetzt auch nicht unsere Arbeit ein.

-Eine treibende Kraft an Bayerns Campus ist Hermann Gerland – ein Bochumer Urgestein. Er hatte Goretzka früh auf dem Zettel.

Jeder Klub aus ganz Deutschland hat schon früh bei Leons Papa Konrad angerufen, auch internationale Scouts haben sich bei ihnen die Klinke in die Hand gegeben. Dortmund und Schalke wollten ihn bereits ab der D-Jugend haben. Sein Vater hat da immer mit offenen Karten gespielt. Ich wusste zum Beispiel, dass sie nach Bremen zu Gesprächen mit Werder fahren, aber am Ende da lecker Fisch essen und trotzdem bei uns bleiben würden. Leon sagte immer: „Ihr habt so viel getan für uns, das bekommt ihr zurück.“ Mit 18 hat er noch mal bei uns verlängert. „Tiger“ Gerland war aber auch schon sehr früh an dem Jungen dran, das ist kein Geheimnis.

-Es heißt immer, Goretzka sei sehr, sehr geerdet. Wie wichtig ist ihm sein Vater, seine Familie?

Sein Vater hat immer darauf geachtet, dass Leon ein guter Junge wird. Er hatte keine Berater, Geld spielte nie die treibende Kraft. Es war ihnen nur wichtig, dass er bestens betreut wird. Mit 17 sollte er in der Zweiten Liga debütieren, da sagte sein Vater: „Junge, bevor du einen Fördervertrag unterzeichnest, machst du erst einmal dein Abitur. Ohne Abi passiert gar nichts. Sonst melde ich dich vom Fußball ab.“ Da war er konsequent. Wir haben Leon eine Privatlehrerin besorgt, es war eine harte Zeit für ihn. Er hatte in der Saison dann über 30 Zweitligaspiele für uns, in der freien Zeit paukte er fürs Abi: Samstagabend, Sonntagmorgen, wann es ging. Er hat viel auf dem Kasten, er ist ja ein gescheiter Junge. Aber es gehört schon sehr viel dazu, diese Kraft aufzubieten.

-Ab wann wussten Sie, dass er ein Profi wird?

Ab der U 15 war uns das klar.

-Er war der Kapitän der deutschen U 17, Kapitän der Olympiamannschaft, ist jetzt bei Schalke Vize-Kapitän – ein Leadertyp?

Ja, er ist ein absoluter Leadertyp. Die Leistung ist da natürlich die Basis. Aber wenn er was sagt, hat das immer Gewicht. In jedem Jahrgang haben die Jungs auf ihn gehört. Er ist sehr gut erzogen und erkennt schnell, was gefragt ist. Er hat als Jugendlicher auch mal Quatsch gemacht, Gottseidank, ganz normal. Aber er wusste es immer als Erster, wenn wieder Ernst angesagt war. Du musstest ihn nie groß führen – höchstens mal bremsen. Als A-Junior spielte er bei den Profis und rief allen Ernstes an und sagte, tags darauf will er mit der U 19 ran.

„Hält die Entwicklung an, schießt Leon durch die Decke“

-Was meinen Sie mit Quatsch machen – schlug er mal über die Stränge?

Nein. Ein bisschen um die Häuser ziehen, normal. Aber für Kleinigkeiten in der Kabine war er schon zu haben, so Unsinn wie etwa dem Betreuer mal einen Zettel auf den Rücken kleben. Der Junge hat den Schalk im Nacken.

-Aber nicht nachts mit der Cousine im Entmüdungsbecken wie einst der junge Schweinsteiger.

(lacht) Nein, nein. Wir mussten ihm nur mal nachts Schokolade besorgen. Das war bei der U-17-WM in Slowenien. Da lag er ausgepumpt im Bett, wälzte sich hin und her und bekam Heißhunger auf Schokolade. Ja, dann sind wir los. Das ist mal individuelle Betreuung, oder (lacht)?

-Ist Schoko sein Laster?

Nein. Leon hat seine Ernährung umgestellt und verhält sich da sehr professionell.

-Peter Neururer, einst Bochums Coach, sagt, Goretzka ist ein „Jahrhunderttalent“ und vergleicht ihn mit Lothar Matthäus.

Es gibt wirklich einige Parallelen zu Matthäus. Leon hat ein unheimliches Tempo. Ich habe mir erst neulich von unserem Leistungsdiagnostiker aus der Datenbank die fünf schnellsten Spieler, die er je bei uns getestet hat, schicken lassen. Im Linear-Sprint war Leon da seit der U 17 immer vorne dabei. Das heißt, dieses aus der Tiefe kommen, das Matthäus auch immer hatte, in die Räume zu stoßen, Torgefahr – da sind sich beide ähnlich. Leon hat das Zeug zu Europas Fußballer des Jahres. Hält seine Entwicklung an, schießt er durch die Decke. Wenn er fit ist und regelmäßig spielt, wird Bayern viel Freude an ihm haben. Die Konkurrenz ist da groß, höher als in München geht es in Deutschland nicht. Er wird es dort aber schaffen. Und wehe, er schickt mir dann keine Tickets (lacht). Ich freue mich für ihn. Der FC Bayern ist für ihn wie ein Sechser im Lotto.

-Wie schwer ist es, sich als Bochum in der Nachbarschaft von Dortmund und Schalke zu behaupten?

Die können ruhig wildern. Es ist eine ziemliche Dichte hier im Ruhrgebiet, aber der BVB nebenan macht zum Beispiel sehr gute Arbeit, hat aber eine ganz andere Ausrichtung als wir. Die holen ausländische Talente und so weiter. Wir haben unsere eigene Nische, mit der wir auch punkten können. Es gibt Eltern, die wollen ihre Kinder lieber in einem kleineren Rahmen betreut haben. Und wenn wir uns jedes Jahr in der U 19-Bundesliga West mit den Großen um den Titel streiten, sagt das viel aus.

-Gibt es Parallelen zur SpVgg Unterhaching, die sich auch auf Talente aus der Region konzentriert, um in einer namhaften Nachbarschaft eine eigene Nische zu besetzen?

Ich finde bemerkenswert, was Unterhaching leistet. Wir haben erst am Wochenende mit unserer U-16-Top-Elf 2:1 gegen den FC Bayern gewonnen – und danach 0:3 gegen Haching verloren. Das war dann zwar in Anführungsstrichen „nur“ unsere zweite Garnitur, aber Unterhaching hat ein sehr starkes Team. Sie können stolz auf ihre Arbeit sein.

-2015 schaffte der VfL die U 23 ab. Bei vielen Klubs eine Glaubensfrage. Der FC Bayern scheut diesen Schritt. Warum haben Sie sich dazu entschlossen?

Das war nicht aus einer Laune heraus. Wir haben eine Analyse erstellt, wie viele Jungs es aus der U 23 eigentlich nach oben geschafft haben. Das waren nicht so viele. Der Betrieb kostet rund eine Million Euro im Jahr, das rentiert sich kaum für ein Team, in dem meist nur die zum Einsatz kommen, für die es bei den Profis nicht reicht. Jetzt ist unsere Durchlässigkeit viel besser: Die Besten der U 17 und U 19 trainieren bei den Profis – das Konzept greift.

Interview: Andreas Werner

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