Die Beste aller Zeiten

von Redaktion

Natalie Geisenberger rodelt, beeindruckt von Lochs Missgeschick, zu ihrem dritten Olympia-Gold

von armin gibis

Pyeongchang – Die letzte Fahrt war vermutlich die schwerste für Natalie Geisenberger. „Ich war mir überhaupt nicht sicher“, sagte sie. Dabei hatte die Rodlerin vor dem Finale auf der Alpensia-Eisbahn einen komfortablen Vorsprung. Doch das Scheitern ihres Trainingskollegen und guten Freundes Felix Loch hatte sie vorsichtig werden lassen. „Da hatte ein kleiner Fehler so eine große Wirkung, Felix hat mir leid getan“, sagte die 30-Jährige, „das war schwierig für mich, damit zurecht zu kommen. Doch es war auch ein Wachrüttler.“

Die Polizeiobermeisterin legte eine ebenso kontrollierte wie schneidige Fahrt hin – und sorgte damit für einen ganz großen Tag im deutschen Rodlerlager. Geisenberger holte Gold und herzte sich daraufhin kraftvoll mit Dajana Eitberger, die überraschend Silber errungen hatte. „Es ist einfach der Wahnsinn“, sagte die Miesbacherin.

Der Doppelsieg hob deutlich die zuvor leicht angekratzte Stimmung bei den deutschen Schlittenfahrern. „Eine Hammerleistung!“, rief Bundestrainer Norbert Loch. Allerdings gab es auch ein trauriges Gesicht. Tatjana Hüfner, die Olympiasiegerin von 2010, musste sich mit Rang 4 bescheiden, 16/100 fehlten ihr zur Bronzemedaille, die die Kanadierin Alex Gough geschnappt hatte. Tränen rannen ihr übers Gesicht. Vielleicht wird sie noch ein Jahr dranhängen, aber es war definitiv ihr Abschied von Olympia.

Als Zweitplatzierte war die 34-Jährige vom BRC Friedrichroda aussichtsreich in den letzten Durchgang gestartet. „Ich habe keine Ahnung, wo die Zeit liegen geblieben ist. So schlecht war mein Lauf nicht“, sagte sie. Bundestrainer Norbert Loch pflichtete Hüfner bei: „Tatjana hat alle vier Läufe getroffen, sie hat alles richtig gemacht. Es tut mir leid für sie.“

Dajana Eitberger lässt den Schlitten fliegen – und holt Silber

Das vielleicht strahlendste Lächeln machte sich dagegen im Gesicht von Dajana Eitberger aus Ilmenau breit. Mit der 27-Jährigen war nicht unbedingt zu rechnen gewesen. Für Olympia hatte sie sich nur knapp qualifiziert. „Das war der härteste Part für mich.“ Vor dem vierten Lauf lag Eitberger noch auf Rang 4, doch dann lieferte sie eine fehlerlose Fahrt aufs Podium: „Ich wusste, dass ich ranklotzen muss und habe den Schlitten fliegen lassen.“

Für sie selbst kam die erste olympische Medaille ihrer Karriere nicht ganz überraschend. „Ich bin in sehr guter Form angereist. Und ich wusste, dass allein mein Kopf entscheidet, ob ich gut bin oder nicht.“ Ihr Kopf hat ganz offensichtlich die richtigen Entscheidungen getroffen.

Natalie Geisenberger, schon 2014 in Sotschi Doppel-Olympiasiegerin und nun erfolgreichste Rodel-Olympionikin überhaupt, war mit der Gelassenheit des erfahrenen Champions ins Rennen gegangen. „Ich war so entspannt wie noch nie. Ich habe in meiner Karriere schon alles erreicht“, sagte die siebenfache Weltmeisterin, „das machte mich ein bisschen relaxter.“ Ihre Einstellung vor dem Rennen: „Wenn jetzt noch was dazu kommen würde, wäre das das I-Tüpfelchen. Wenn nicht, dann wäre das auch kein Beinbruch.“

Es ist nun also noch eine besonders wertvolle Goldmedaille dazugekommen in ihrer großen Sammlung. Doch das soll’s noch längst nicht gewesen sein. Ihr Sport, so Geisenberger, berge „absolutes Suchtpotenzial“. Ganz oben zu stehen, die deutsche Nationalhymne zu hören – „das ist einfach das, wofür ich meinen Sport mache.“ Es sei ein Privileg, das Hobby zum Beruf gemacht zu haben. „Mir liegt es einfach, zu kämpfen, alles zu geben, das Maximum aus mir herauszuholen, mich jeden Tag aufs Neue zu motivieren.“

Ob sie noch bis zu den Winterspielen 2022 in Peking weitermache? „Wir werden sehen“, sagte Geisenberger. Sie sei noch fit und habe nach wie vor großen Spaß. Fest steht aber vorläufig nur, dass sie in der kommenden Saison genau das machen werde, was sie fast zwei Jahrzehnten gewohnt ist: „Im Sommer hart trainieren und im Winter schauen, was dabei herauskommt.“

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