Pyeongchang – Eigentlich lässt sich Marcel Hirscher nicht leicht ablenken, erst nicht, wenn es um seinen Job geht. Bei seinem ersten Auftritt in Pyeongchang, der aufgrund der bisherigen Verschiebungen auch der erste alpine Wettbewerb bei diesen Winterspielen war, durchbrach der österreichische Skirennläufer irgendwann die übliche Routine. Auf der vorgeschriebenen Route durch den Zielraum bog er kurz nach links ab, überwand eine Absperrung mit einem beschwingten Schwung und nahm sich erst einmal Zeit für Freundin Laura.
Eine innige Umarmung, ein inniger Kuss und dann noch mal von vorne, Umarmung, Kuss – erst dann setzte Hirscher seinen Weg fort. Den von Fernsehstation zu Fernsehstation. Auf seinem ganz persönlichen Weg hatte er am Dienstag „mein großes Ziel erreicht“ – mit dem Olympiasieg in der alpinen Kombination vor den beiden Franzosen Alexis Pinturault und Victor Muffat-Jeandet. „Vor allem in Österreich hat jeder erwartet, dass ich mindestens eine Goldmedaille gewinne. Jetzt ist sie hier“, sagte Hirscher.
Sechsmal hat er den Gesamtweltcup gewonnen, vier Goldmedaillen bei Weltmeisterschaften, dazu zwei Handvoll Kristallkugeln für Disziplinwertungen und 55 Weltcupsiege, mehr als der großer Hermann Maier. Nur das vielleicht Größte für einen Sportler war ihm bislang verwehrt geblieben. In Vancouver, bei seiner ersten Olympia-Teilnahme, stand er noch am Anfang seiner Karriere, in Sotschi vor vier Jahren scheiterte als Mitfavorit auf Gold, und nun, bei seinen dritten Winterspielen, sollte es endlich klappen, denn es würden seine letzten sein, ließ er immer wieder verlauten.
In der Außenwahrnehmung hat er die schon üppig besetze Krone nun mit dem letzten hochkarätigen Edelstein vervollständigt. Ihm selbst fällt es schwer, den Sieg einzuordnen. „Ich kann die Bedeutung noch nicht fassen.“ Ob er nun komplett sei, wurde er gefragt. Nein, antwortete Hirscher, „komplett war es für mich schon nach dem ersten Gesamtweltcupsieg, denn das war schon mehr, als ich mehr je zugetraut habe. Das ist jetzt eine Draufgabe.“ Eine für die er, wie er zugibt, „ein großes Risiko“ eingegangen sei. Hirscher hätte sich auf Slalom und Riesenslalom konzentrieren können, jene Disziplinen, in denen er in dieser Saison kaum einmal Rennen verlor, aber er wollte die Chancen breiter streuen. Er habe sich schon gefragt, was passiere, wenn er nur 20. werde in der Kombination.
Hirscher rechnet immer damit, zu scheitern. Die anderen Athleten nehmen ihm das schon lange nicht mehr ab. Tatsächlich gehören die Zweifel an der eigenen Leistung bei Marcel Hirscher dazu. Er hat auch vor der Kombination versucht, die Favoritenrolle abzugeben, weil er bei den drei Abfahrtstrainingsfahrten nicht gut mit der Strecke zurechtgekommen war. Als er dann Zwölfter wurde im ersten Teil des Wettbewerbs, war Hirscher „saustolz“ auf die Leistung. „Bist deppert, das hätte ich mir nie gedacht.“
Ähnliche Gedanken hegte auch Thomas Dreßen, als Hirscher im Ziel auf der verkürzten Abfahrtsstrecke nur 1,32 Sekunden Rückstand hatte. Der 24-jährige Mittenwalder war als Erster in die Abfahrt gestartet, nach zwei Ausfällen lieferte der Österreicher Hirscher die erste Vergleichszeit. Dreßen: „Da hab ich mir gedacht, leck mich am Arsch, bin ich einen Scheiß gefahren.“
Am Ende durfte der Kitzbühel-Sieger diese Einschätzung relativieren, denn keiner der großen Abfahrer konnte ihn noch vom ersten Platz verdrängen. Im Slalom fiel Dreßen dann auf den neunten Platz zurück. „Wenn man die Ausgangslage hat, will man natürlich eine Medaille. Denn darum geht’s bei Olympia“, sagte er. Die nächste und wohl bessere Chance, sein Ziel zu erreichen, hat Dreßen am Donnerstag in der Spezialabfahrt. „Er hat sich in den engeren Kreis der Medaillenkandidaten reingefahren. Das kann man nicht mehr wegdiskutieren“, gab Wolfgang Maier, Alpindirektor im Deutschen Skiverband zu. Marcel Hirscher sieht dies ähnlich. „Er hat das Potenzial, auch da für eine Überraschung zu sorgen.“