Doppelt optimistisch

von Redaktion

Das Rodel-Duo Wendl/Arlt, das 2014 zwei Goldmedaillen gewann, hat eine wechselhafte Saison hinter sich – ist für heute aber guter Dinge

von marc beyer

München – Daheim am Königssee ist die Vergangenheit immer präsent. Im Kraftraum, wo die deutschen Rennrodler regelmäßig trainieren, hängt ein Bild von der Siegerehrung in Sotschi. Zu sehen sind Tobias Wendl und Tobias Arlt im Moment ihres größten Erfolges. Zwei Olympiasiege – im Doppelsitzer und im Teamwettbewerb feierte das Duo in Russland. Vier Jahre ist das her, und wenn Arlt (30) heute daran denkt, „habe ich noch manchmal Tränen in den Augen“.

Die vergangenen Spiele fielen genau in die Zeit, als Wendl/Arlt in ihrem Wettbewerb das Maß aller Dinge waren. Zwei Jahre später gewannen sie auf ihrer Heimbahn zum bisher letzten Mal den WM-Titel auf der Langdistanz (2017 noch den im Sprint), aber schon damals deutete sich an, dass mit Toni Eggert/Sascha Benecken im eigenen Team mächtige Konkurrenz aufkommen würde. Inzwischen sind die Thüringer vorbeigezogen und vor der heutigen Entscheidung im Doppelsitzer so eindeutig favorisiert, wie es ihre oberbayerischen Kollegen in Sotschi waren.

Das gestrige Abschlusstraining bestätigte die Eindrücke des ganzen Winters. Eggert/Benecken waren in beiden Läufen die Schnellsten, Wendl/Arlt stürzten im zweiten. „Vom Speed her waren wir gut unterwegs“, sagt Arlt, dann probierten sie eine andere Linie aus „und sind in der Einfahrt zur Kurve gekippt. Das geht hier sehr schnell.“ Immerhin: „Jetzt sind wir wachgerüttelt.“

In einem Sport, wo Veränderungen im Millimeterbereich die entscheidenden Tausendstelsekunden bringen können und wo ständig experimentiert wird, ist es vollkommen normal, Rückschläge ins Positive umzudeuten. Dass die Königsseer – Branchenname: „die Tobis“ – diesen Winter von Anhang an hinterher rodelten, kann Wendl (30) deshalb beinahe schlüssig erklären. „Am Anfang haben wir viel ausprobiert. Das ist bei uns auf Kosten des Fahrerischen gegangen.“ Erst mit der Rückbesinnung auf älteres Material und dem Sieg beim Heimweltcup am Königssee Anfang Januar hatten sie das Gefühl, vielleicht doch mithalten zu können. „Wir brauchen immer ein bisschen Zeit“, weiß Arlt.

Es wäre übertrieben zu sagen, dass die Tobis tiefenentspannt in diesen Wettbewerb gehen werden, auch wenn Wendl ankündigt, man werde „sehr ruhig sein“. Nach mehr als anderthalb Jahrzehnten, die sie nun schon gemeinsam auf dem Schlitten verbringen, haben sie zumindest die Gewissheit, sich auf einen breiten Erfahrungsschatz verlassen zu können und ein Problem niemals allein lösen zu müssen. Doppelsitzer sind eine Einheit, auch wenn nicht jedes Duo derart intensiv harmoniert wie die Männer vom Königssee, die beide im Juni 1987 geboren sind, den gleichen Namen tragen und sich privat so nahe stehen, dass Wendl der Taufpate von Arlts erster Tochter wurde. „Es ist wie eine Beziehung“, sagt Arlt: „Ich verbringe im Winter mehr Zeit mit ihm als mit meiner Familie.“

Der Name des einen ist untrennbar verbunden mit dem des Kompagnons. Die Feinabstimmung geht so weit, dass Untermann Arlt es gleich zu spüren bekommt, sobald Steuermann Wendl das Gewicht nicht halten kann: „Ich merke jedes Kilo, das er zusätzlich draufhat.“ Ein bisschen mehr kann in dieser Sportart freilich nicht schaden, solange die Aerodynamik nicht leidet.

Wenn sich Tobias Wendl also in seinem persönlichen Normbereich zwischen 90 und 93 Kilo bewegt, hat alles seine Richtigkeit. Bloß darüber sollte er nicht kommen, doch das ist nicht zu befürchten. Selbst zwischen Weihnachten und Neujahr hat Wendl neulich eher ab- als zugenommen: „Das war ganz untypisch.“ Weil für die beiden danach erst der bessere Teil des Rodelwinters kam, nehmen sie auch dieses Detail als gutes Zeichen.

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