Es liegt in der Natur der Ausnahmesportlerin Laura Dahlmeier, im Bedarfsfall ihre Limits überschreiten zu können. Das ist ihr schon bei der WM 2017 gelungen, wo sie zwei Schwächeanfälle erlitt – und trotzdem mit fünf Goldmedaillen Einzigartiges vollbrachte. Auch in Pyeongchang ist die Skijägerin vom SC Partenkirchen dabei, sich selbst zu übertreffen. Und das trotz maximaler sportlicher Belastung, trotz klirrender Kälte, trotz enormer medialer Pflichtaufgaben. Die 24-Jährige bestätigt die vorherrschende Erwartungshaltung, wahre Wunderdinge vollbringen zu können. Doch es stellt sich die Frage: Ist Laura Dahlmeier tatsächlich mit übermenschlichen Fähigkeiten ausgestattet, wird das mit ihr so weitergehen?
Nun, der erste Kräfteverschleiß offenbarte sich bereits nach dem Verfolgungsrennen. Ihre schwere Erschöpfung hat ihr Umfeld entsprechend alarmiert. Im hochprofessionell organisierten deutschen Biathlon-Lager werden alle Vorkehrungen getroffen, um die geschlauchte Laura wieder auf die Beine zu bringen. Sie wird heute den nächsten Wettkampf bestreiten, vermutlich alle sechs dieser Winterspiele. Auch weil Dahlmeier beseelt ist von einem Ehrgeiz und einer Leidenschaft, die nur die ganz großen Champions auszeichnen.
Aber nicht auszuschließen ist, dass die Erfahrungen dieser Spiele bei ihr zu einem Nachdenken führen über die so geradlinig glorreich verlaufene Karriere. Es ist kein Geheimnis, dass sich Dahlmeier in einer Welt bewegt, die überhaupt nicht die ihre ist. Sie fühlt sich in der Abgeschiedenheit der Natur wohl, in den Bergen, beim Sport mit Freunden. Als Biathlonstar sieht sie sich dagegen gezwungen, sich auf dröhnender Medienbühne zu bewegen, fast nur noch öffentlich zu sein. Auch die Tatsache, dass ihre strapazenreich erarbeiteten Erfolge fast schon als Selbstverständlichkeit angesehen werden, hat sie stets irritiert.
Schon seit längerem wird gemunkelt, Laura Dahlmeier könnte es ihrem einstigen Vorbild Lena Neuner gleich tun – und schon im frühen Zenit grandioser Leistungskraft abtreten. In Pyeongchang hat sie beiläufig erklärt: „Ich weiß noch nicht, was nächstes Jahr ist.“ Auch dieser – vielleicht überinterpretierte Satz – zog Rücktrittsspekulationen nach sich.
Momentan lässt sich kaum abschätzen, wie Dahlmeier sich ihre Zukunft vorstellt. Vorerst zählt – und da ist sie ganz hundertprozentige Sportlerin – nur Olympia. Sie wird das Letzte geben, sie kann die erfolgreichste Sportlerin der Spiele werden. Vorstellbar ist aber auch, dass sie schon davon träumt, eines Tages nicht mehr Star, sondern wieder ganz bei sich zu sein.