Das Leben unter dem Gefrierpunkt birgt manche Überraschung. Und so hat unser russischer Kollege Michail nicht schlecht gestaunt, als er im Shuttle-Bus aus der Manteltasche seine mit Apfelsaft gefüllte Plastikflasche hervorzog. Er hatte mit uns nächtens an der Rodelbahn im Schneetreiben gestanden, dem schneidenden Wind getrotzt und den Minus-Temperaturen. Unterdessen hatte das Getränk einen anderen Aggregatzustand angenommen. In der Flasche befand sich pures, gelbliches Eis.
Bisweilen hat uns auch schon der Verdacht beschlichen, in unserem Inneren könnte es ähnlich frostig aussehen. Schon bei der Ankunft in Pyeongchang fühlte man sich wie in einem Kühlschrank, doch mittlerweile ist – um im Bild zu bleiben – ein Tiefkühlfach daraus geworden. Das Thermometer fällt und fällt. Zuletzt waren es minus 16 Grad, im Wind fühlt sich das wie minus 25 an. Die aktuelle Prognose: Es wird noch kälter. Winterlicher können Winterspiele kaum sein. Und wenn man dann nach Mitternacht zurückkehrt ins Mediendorf von Gangneung, kommt man sich so durchgefroren vor wie ein Eismann.
Nicht einmal die Medienzelte an den Wettkampfstätten bieten die Möglichkeit, sich aufzutauen. Sie sind schlecht beheizt, überall pfeift der Wind durch die Ritzen, mehr als 12 bis 14 Grad sind da meistens nicht drin. Viele Kollegen schreiben mit Mütze und Daunenanorak. Während der Männerrennen fiel an der Bobbahn die Heizung über eine Stunde ganz aus. Die vorübergehende Saaltemperatur: 3 Grad.
Sicher, man wusste, dass es in der Region Gwandon kalte Wochen gegeben hatte vor Olympia. Doch war man nicht darauf vorbereitet, sich wie für eine Polarexpedition ausrüsten zu müssen. Also bleibt einem nichts anderes übrig, als aus den vorhandenen Kleidungsstücken eine möglichst frostfeste Kombination zusammenzustellen. Der Autor dieser Zeilen bekennt sich somit auch dazu, erstmals in seinem Leben zwei übereinandergestreifte lange Unterhosen (über der kurzen) zu tragen, dazu zwei T-Shirts, ein langärmeliges Sweatshirt, einen dicken Norwegerpullover, eine XXL-Winterjacke, Schal, Mütze, Handschuhe. Doch Sie werden’s nicht glauben: Man friert trotzdem. Armin Gibis