Das Erbe von Schneizlreuth

von Redaktion

Ist Olympia ein Bildungsprogramm? Und ob. Auch wenn die Spiele derzeit im fernen Südkorea stattfinden – man lernt vieles über die deutsche Geografie. Denn bei Winter-Olympia kommen nicht alle deutschen Teilnehmer aus den Stadtmitten von Berlin, Köln und München; mehrheitlich stammen sie vom Land. Und wenn ein Herkunftsort so richtig provinziell klingt, hat das die Kommentatoren immer schon angespornt.

Wir erinnern uns da an den ehemaligen ZDF-Mann Bernd Heller, der sich in den 90er-Jahren gar nicht mehr hatte einkriegen können, dass die Skifahrerin Regina Häusl (schon dies in seinen Ohren ein klischeeerfüllender Provinzler-Name) aus Schneizlreuth kam. Die Schneizlreutherin – es ist ihm mit aller denkbaren Häme über die Lippen gekommen.

Man empört sich über diese Herablassung natürlich mehr, je näher man am bespöttelten Ort lebt (und ihn kennt). Jedoch wird man selber schnell hochnäsig, wenn man noch nicht oder selten von ihm gehört hat. Und so sind auch wir bei diesen Spielen versucht, Späße zu machen mit den Ortsbezeichnungen.

Gehen wir durch die Sportarten. Im Biathlon gefallen uns Roman Rees als Schauinslander und Arnd Peiffer als „der golddekorierte Clausthal-Zellerfelder“ (Doppelnamen sind immer ulkig). Beim Bob drücken wir den zahlreich vertretenen Oberbärenburgern die Daumen. In der Nordischen Kombination ist der routinierte Johanngeorgenstädter Björn Kircheisen unser Mann. Im Skeleton werfen wir ein Auge auf Jacqueline Lölling als Hochsauerländerin. Im Skilanglauf begleiten unsere besten Wünsche vor allem die Schonach-Rohrhardsbergerin Sandra Ringwald und Victoria Carl. Sie stammt aus Zella-Mehlis, dann muss man wohl sagen: die Zella-Mehliserin. Skisprung-Star Richard Freitag stellt uns vor eine schwere Aufgabe: Ein Athlet, der für die SG Nickelhütte-Aue startet, ist der Nickelhütte-Auer, Nickelhütter-Auer – oder rettet man sich da mit einem „Der Schnurrbartträger aus Nickelhütte-Aue“? Seine weiblichen Teamkollegen sind übrigens u.a. eine Ruhlaerin, eine Degenfelderin und eine Langenordnacherin.

All diese erwähnten Orte sind selbstredend stolz auf ihre Olympiateilnehmer, sie erhoffen sich, dass der Name ihrer Gemeinde hinaus in die Welt getragen wird. Oder wenigstens nach Deutschland. Tatsächlich haben wir bei früheren Winterspielen den ADAC-Atlas zur Hand gehabt. Heute könnten wir die Recherche zu Nickelhütte-Aue über Google Maps erledigen.

Der Herkunftsbezeichnungs-Fetischismus gehört zum Wintersport. Seit Regina Häusl, der Schneizlreutherin. Dafür muss man Bernd Heller dann doch danken. Dem alten Dillenburger. Günter Klein

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