Pyeongchang – Irgendwann gestern Nachmittag hatte der Internationale Sportgerichtshof CAS offenbar die Nase voll von der Flut an Nachfragen. In einer dünnen, sechszeiligen Botschaft wurde ein Wasserstand zum mutmaßlichen Dopingfall des russischen Curlers in Pyeongchang bekannt gegeben, was eher unüblich für den CAS ist. Er bestätigte, dass seine Anti-Doping-Division ein Verfahren gegen Alexander Kruschelnizki eingeleitet habe. Ein Termin für eine Anhörung des Russen sei noch nicht festgelegt. Weitere Informationen würden nicht veröffentlicht.
Ein Sprecher der „Olympischen Athleten aus Russland“ (OAR) bestätigte, dass Kruschelnizki seine Spiele-Akkreditierung abgegeben und das Athletendorf verlassen habe. Die New York Times meldete, der Curler weile seit Montagmittag in Seoul. Im dortigen WADA-Labor lagert seine B-Probe, die, sollte auch sie das verbotene Herzmedikament Meldonium enthalten, den Dopingfall offiziell machen würde. Am Abend meldeten erste russische Medien, dass dies der Fall sei.
Schon vorher liefen die Diskussionen auf Hochtouren. Die entscheidende Frage: Wie soll das Internationale Olympische Komitee im Kontext des Staatsdopingskandals auf die Sache reagieren? Das IOC hatte das Nationale Olympische Komitee Russlands wegen der Affäre suspendiert, aber in Aussicht gestellt, die Verbannung noch vor der Schlussfeier am Sonntag aufzuheben, sollten sich die Russen vernünftig betragen. Verhindert der Fall Kruschelnizki nun eine russische Begnadigung?
IOC-Sprecher Mark Adams rang sich im täglichen Presse-Briefing zu einer Aussage durch, die, wie er betonte, allgemeingültig sei: „Für uns ist es extrem enttäuschend, wenn ein Fall bestätigt wird.“ Die vom IOC-Mitglied Nicole Hoevertsz geleitete IOC-Kommission, die die „Olympischen Athleten aus Russland“ in Pyeongchang beobachtet, werde dem Exekutivkomitee hinsichtlich einer Aufhebung der Suspendierung eine Empfehlung geben. Das von Präsident Thomas Bach geleitete Gremium werde sich am Samstag treffen und darüber beraten. Einen Tag danach findet die Schlussfeier statt.
Die Angelegenheit ist hoch pikant und wird durchaus kontrovers diskutiert – auch unter deutschen Athleten und Funktionären. DOSB-Athletensprecherin Silke Kassner sprach sich strikt gegen eine schnelle Aufhebung der Suspendierung Russlands aus. „Für eine Begnadigung des russischen NOK ist es viel zu früh – völlig unabhängig vom Fall des Curlers. Es muss zuerst ein System- und Kulturwandel stattfinden“, sagte Silke Kassner.
„Entweder hat ein Land das Werteverständnis für den Schutz der sauberen Athleten, oder es hat es nicht. Russland hat es ganz offensichtlich nicht. Das zeigt schon das nicht enden wollende Leugnen und der Mangel an Demut“, ergänzte die ehemalige Kanutin, die auch Athletenvertreterin im Aufsichtsrat der Nationalen Anti Doping Agentur (NADA) ist.
Ohne ein spürbares Verständnis auf Seiten Russlands, „dass Sport sauber sein muss, kann dieses Land keinen Platz in der olympischen Familie haben“, sagte Kassner weiter, und forderte: „Alle, die diesen Prozess mit vernünftigem Menschenverstand verfolgen, müssen dem IOC signalisieren, dass Russland noch nicht so weit ist.“
In Pyeongchang gab es auch gegenteilige Stimmen. „Wenn du einen erwischt hast, dann musst du ihn aus dem Verkehr ziehen“, sagte Franz Reindl, Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB). „Aber ich möchte es nicht als russisches Thema sehen, sondern als kapitalen Fehler eines Einzelnen. Solange nichts anderes dahinter steckt, sollte nur er bestraft werden“, ergänzte Reindl, der im erweiterten Präsidium des pro-russisch eingestellten Weltverbandes IIHF sitzt.