Und jetzt einfach nur „befreit aufspielen“

von Redaktion

Nach dem Viertelfinal-Einzug: Wie das deutsche Team das Spiel gegen Schweden angeht – Ehrhoff und Fauser lädiert

Von Thomas Lipinski

Pyeongchang – Nach dem Schuss ins Glück kurz vor Mitternacht gab es für den Eishockey-Helden des Abends kein Halten mehr. Yannic Seidenberg stürmte wie von der Tarantel gestochen los und schlug mit der Faust Löcher in die Luft, seine Teamkollegen stürzten jubelnd auf ihn. Mit seinem Tor nach 26 Sekunden in der Verlängerung hatte der Münchner die deutsche Nationalmannschaft zum ersten Mal seit 16 Jahren ins olympische Viertelfinale geschossen.

„Es ging heute manches in die Hose, umso glücklicher bin ich, dass ich das Tor machen konnte“, sagte der 34-Jährige nach dem 2:1 (1:0, 0:1, 0:0, 1:0) im Playoff gegen die Schweiz. Am heutigen Mittwoch schon (21.10 Uhr OZ/13.10 MEZ) spielt das Team von Bundestrainer Marco Sturm gegen Weltmeister Schweden um noch mehr: Mit einem weiteren Sieg könnte es in Pyeongchang nach der ersten Olympia-Medaille seit 42 Jahren greifen. „Das ist schon eine ganze Weile her, da redet man heute noch drüber“, sagte Verteidiger Christian Ehrhoff mit Blick auf die Bronze-Sensation von Innsbruck 1976, „das ist etwas, von dem man träumt“.

Der langjährige NHL-Profi konnte wieder lachen. Schon nach neun Sekunden war er nach einem brutalen Foul k.o. gegangen, als ihm sein Gegenspieler Cody Almond bei vollem Tempo den Ellbogen ins Gesicht stieß. „Es hat sich nicht gut angefühlt, aber der Sieg fühlt sich jetzt sehr gut an“, meinte Ehrhoff, der zur Behandlung in die Kabine musste, aber zu Beginn des zweiten Drittels aufs Eis zurückkehrte. „Das war heftig“, schimpfte Sturm über das Foul: „Ellbogen gegen den Kopf, das gehört nicht zum Eishockey, dafür habe ich kein Verständnis.“

Die folgende Überzahl nutzte der Nürnberger Leonhard Pföderl zum Führungstor, mit tatkräftiger Unterstützung des früheren NHL-Torwarts Jonas Hiller, der den Puck durch die Schoner rutschen ließ (2.). Doch danach verlor die deutsche Mannschaft ihre Linie, die Schweiz kam durch Simon Moser verdient zum Ausgleich (24.). Auch der Wolfsburger Gerrit Fauser musste zwischenzeitlich in die Kabine – blutend, weil ihn der Puck im Gesicht getroffen hatte; er kehrte mit genähter Lippe zurück.

Die Entscheidung brachte erst die Verlängerung: Seidenberg reagierte vor dem Schweizer Tor am schnellsten und schob den Puck im Nachschuss über die Linie. „Jetzt muss schon ein Verteidiger das Tor machen“, meinte Sturm schmunzelnd. Und Seidenberg, vor seiner Umschulung zum Abwehrspieler lange Zeit Angreifer, ergänzte: „Da haben sich die 16 Jahre als Stürmer ein bisschen ausgezahlt.“

Mit dem Einzug ins Viertelfinale setzte Sturm seine Erfolgsserie fort. Seit seinem Amtsantritt 2015 hat sich die deutsche Mannschaft wieder unter den Top Acht festgesetzt: Zweimal erreichte sie bei der WM das Viertelfinale, nun auch bei Olympia. Das war zuletzt Hans Zach 2002 gelungen. „Jetzt können wir befreit aufspielen“, meinte Sturm. Mit Blick auf die 0:1-Niederlage in der Vorrunde gegen die Schweden fügte er an: „Da haben wir gemerkt, dass mehr drin ist.“

Nicht mehr dabei sein wird der Mannheimer Sinan Akdag, der beim 2:1 gegen Norwegen ebenfalls einen Check gegen den Kopf erhalten hatte; der Verteidiger reist nach Hause. Offen ist, ob DEL-Rekordtorjäger Patrick Reimer ins Team zurückkehrt, er hatte in den vergangenen beiden Spielen verletzt gefehlt.

Artikel 1 von 11