München – Er war der große deutsche Vorflieger bei den Spielen 2014 in Sotschi. Die Wettbewerbe in Pyeongchang und die Erfolgsserie von Andreas Wellinger & Co konnte Severin Freund wegen seines im vergangenen Sommer erlittenen zweiten Kreuzbandrisses nur am Fernseher erleben. Derzeit befindet sich der Team-Olympiasieger im Aufbautraining am Leistungszentrum in Oberstdorf. Der Münchner über…
… sein Erlebnis Olympia: „Dadurch, dass es so früh klar war, war es nicht schlimm, dass ich nicht selbst dabei war. Ich habe die Wettbewerbe eher aufmerksam, interessiert und sehr emotional verfolgt.“
… das deutsche Abschneiden in Pyeongchang: „Das ist ein Wahnsinnsergebnis. Ich hätte mir natürlich gewünscht, die Goldmedaille im Team zu bestätigen, weil der Teamwettbewerb immer eine Bestätigung für das System ist. Aber Norwegen was das ganze Jahr über stark, da war es klar, dass es einen Zaubertag gebraucht hätte. So war es schon stark, dass es gegen Polen gereicht hat. Der Andi (Wellinger, Anm. d. Red.) mit seinen beiden Medaillen sowieso.“
… den Höhenflug von Andreas Wellinger: „Er hat gewusst, dass ihm die Schanzen sehr gut liegen. Damit ist er schon mit einem guten Gefühl hingereist. Dann ist es ihm gelungen, zum richtigen Zeitpunkt den entscheidenden Schritt in der Entwicklung seines Sprunges zu machen. Dazu ist der Wettkampf von der kleinen Schanze natürlich genau für ihn gelaufen. Er war im zweiten Durchgang in einer Position, aus der er auf alles oder nichts gesprungen ist und das hat optimal geklappt. Und eines ist klar: Wenn es bei einem Großereignis funktioniert, dann nicht nur in einem Sprung. Das ist dann dieser Flow, etwas, was man nicht greifen kann. Du weißt selbst nicht, wie es zu erklären ist. Aber es ist ein wahnsinnig schönes Gefühl.“
… die Probleme von Richard Freitag: „Der Rich hatte eine Wahnsinns-Saison. Aber der Sturz bei der Tournee hat ihn aus dem Tritt gebracht. Danach hat er zwar noch eine Medaille bei der Skiflug-WM geholt, was schon richtig stark war. Aber wenn du ein paar Wochen draußen bist, dann verlierst du den Rhythmus und es schleichen sich kleine Fehler ein. Und die kannst du irgendwann nicht mehr überdecken. Das ist gerade bei ihm sehr bitter. Er hat eh noch sehr viel rausgeholt und es freut mich, dass er sich mit der Teammedaille belohnt hat.“
… die Zukunft von Bundestrainer Werner Schuster: „Letztlich ist das etwas, was nur er selbst entscheiden kann. Ist das Feuer noch da? Ist das nicht der Fall, dann wird es schwierig, denn das geht ja aufs ganze Betreuerteam. Es kann nur funktionieren, wenn alle zu 100 Prozent bei der Sache sind. Und man kann es auch nachvollziehen, dass nach einem Großereignis, an dem viel hängt, die Gedanken kommen: Jetzt wäre der richtige Moment. Aber dann fährst du vielleicht nach Hause, kriegst ein bisschen Abstand und denkst dir: Eigentlich habe ich schon noch Ziele. Und die gibt es ja auch. Der Tourneesieg fehlt uns noch und WM-Gold im Team. Wenn wir das holen, dann haben wir als Mannschaft alles gewonnen.“
… die Rolle von Werner Schuster: „Er hat generell im ganzen System sehr viel verändert. Das war aber auch nötig, weil wir aus einer Zeit gekommen sind, in der dem Sport hier die Konstanz gefehlt hat. Ich glaube aber, dass der Weg noch nicht vorbei ist. Er darf eigentlich nie vorbei sein. So eine Situation wie nach 2002 muss man vermeiden, man muss junge Springer nach oben bringen. Unsere jetzige Mannschaft ist zwar jung, aber auch schon einige Jahre zusammen. Jetzt kommt Constantin Schmid, aber so muss das auch sein. Karrieren bewegen sich immer in Willen. Und wenn es nach unten geht, dann ist es wichtig, dass andere die Rolle übernehmen können. Man sieht es auch in anderen Nationen, dass etwas nachkommt. So wie bei den Norwegern, die vor kurzem den Marius Lindvik herausgebracht haben.“
… seine eigene Situation: „Natürlich merkst du, dass es beim zweiten Kreuzbandriss nicht gerade schneller geht. Die Operation dauert länger, auch der Bluterguss ist nicht so schnell weg. Aber mir geht es jetzt eigentlich ganz gut, es entwickelt sich. Ich kann alles machen. Im Moment bin ich dabei, die Athletik zu trainieren. Wenn alles normal läuft, dann kann ich im Mai oder Juni auf die Schanze zurückkehren. Und dann versuche ich natürlich, wieder anzugreifen.“
Interview: Patrick Reichelt