München – Dass Arjen Robben auch nach dem 5:0 gegen Besiktas Istanbul noch heiß war, war nach dem Abpfiff leicht zu sehen. Als einziger Bayer hatte er sich seines Trikots entledigt, obwohl die Arena längst alle Kriterien einer rekordverdächtig großen Gefriertruhe erfüllte. Robben winkte den Fans artig zu, und es gab mal wieder viel in diese Schlusspointe hineinzudeuten. Der Mann ist auch nach Abpfiff ein Profi, selbst wenn es in ihm köchelt. Zugleich stellte er gut definierte Muskeln zu Schau, was ebenfalls zur Situation passte: So richtig stark war Bayern erst, als Robben in der Partie gewesen ist. Einerseits. Andererseits hatte aber auch Jupp Heynckes Recht, als er den Star zunächst draußen gelassen hatte. Es gab ja Argumente für die Alternativen. Rund um den Kantersieg wurde wieder einmal deutlich, wie sehr der Rekordmeister auf die väterliche Routine des 72-jährigen Cheftrainers angewiesen ist.
Robben hatte sich nämlich noch lange nicht abgekühlt. Dafür reichten weder die 50 Minuten Einsatzzeit nach der Verletzung von James (erste Diagnose Wadenverhärung, keine große Pause) noch der Strip bei eisiger Kälte. „Wenn ich meine Emotionen jetzt ausspreche, bin ich morgen bei Brazzo oder Rummenigge im Büro – und dann weiß ich nicht, was es gibt“, raunzte er. Er sei überrascht gewesen, als er von seiner Nichtberücksichtigung erfahren hatte, er sei nicht krank, mehr wolle er dazu nicht sagen, denn: „Jedes Wort ist eins zu viel.“ Bis dahin war er aber bereits genügend losgeworden.
Gottlob kennen sie ihren Arjen an der Säbener Straße schon recht gut. Seit fast zehn Jahren flitzt er hier über den rechten Flügel, und wenn er mal nicht flitzen darf, motzt er. Das ist längst so fest in den Chroniken verankert wie das Mia san mia. Prinzipiell haben Trainer Spieler lieber, die sich nicht klaglos mit einer Nebenrolle bescheiden, und hinter den Kulissen ärgern sie sich eher darüber, dass die Medien gerne dezidierter über die berichten, die gerade nicht spielen. Robben allerdings tut ja auch viel dafür, in den Fokus zu rücken, sobald er einmal nicht randarf.
Heynckes sah sich nach der Partie daher zu einer klaren Ansage berufen. Er habe Verständnis für Unzufriedenheit, „aber ich muss das managen und mache das, was ich für richtig halte. Das muss jeder akzeptieren. Punkt.“ Täuschen sollte man sich in seiner väterlichen Art nicht; aus einem Punkt wird auch bei ihm kein Fragezeichen, nie. Es ist leicht vorstellbar, wie sich ein anderer, unerfahrener Coach an den Eitelkeiten des Kaders abarbeiten würde.
Eine nachhaltige Gefährdung des Betriebsklimas sieht die Mannschaft indes nicht. Thomas Müller zuckte die Achseln bei der Frage, ob er als Kapitän nicht auf einen unzufriedenen Kollegen einwirken könne. Es werde eine „heikle Situation bleiben, so lange alle fit sind“, jeder sei des kleinen Einmaleins fähig: „Wir haben für die Mittelfeldpositionen acht Optionen – es ist unmöglich, alle zufriedenzustellen, denn so, wie jeder bei uns arbeitet, hat es jeder verdient, zu spielen.“ Und natürlich denkt jeder Münchner Profi über sich selbst, er sei der Beste der Welt, so Müller, „sonst wäre er ja nicht beim FC Bayern“. Es sei für alle eine schwere Situation, für die Spieler wie den Coach: „Jeder will seine Spielzeit, es läuft aber nicht wie im Planungsbüro. Hier muss der Trainer fiese Entscheidungen fällen.“
In Zeiten des Überangebots wird die Floskel, man brauche jeden Spieler, auf ihren Wahrheitsgehalt abgeklopft. Als Besiktas nach der Roten Karte dezimiert wurde, dirigierte Heynckes Robben zum Warmlaufen. Es stand „Belagerungsfußball“ an, wie Müller hübsch umschrieb, da waren die Qualitäten des Niederländers gefragt. Ein gutes Beispiel, so der Kapitän, Wut in Energie zu münzen: „Wir brauchen Schwung von der Bank.“ Und wer weiß, wer als nächstes erst draußen darbt?
Frank Ribery kam spät, in den Schlussminuten. Er wurde nach Abpfiff nicht mehr gesichtet. Vermutlich kochte er noch mehr als Robben, beide eint ein überempfindliches Ego. Hätte er gesprochen, wäre ein Termin bei den Bossen vermutlich noch akuter gewesen. Kein Problem, sagte Hasan Salihamidzic. „Ich habe für alle Verständnis, für Arjen, Franck, King Coman, den Coach.“ Am meisten aber, das ist klar: für den Coach. Denn wer fiese Entscheidungen zu treffen hat, braucht Rückhalt im ganzen Planungsbüro.