Pyeongchang – „Halbfinale – allein schon das Wort“, sagte Marco Sturm und hielt kurz inne. Dann sagte er: „Einfach unglaublich.“ 4:3 (2:0, 0:0, 1:3/1:0) hatte die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft den Favoriten Schweden in der Verlängerung geschlagen und steht damit erstmals in einem olympischen Halbfinale. „Die Mannschaft ist über sich hinaus gewachsen,“ sagte Franz Reindl, Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes DEB), in fast schon feierlichem Ton: „Das ist mehr als eine Sensation.“
Der euphorische Jubel stellte sich in dieser denkwürdigen Partie allerdings erst mit Verzögerung ein. „Der Schiedsrichter hat es sehr dramatisch gemacht“, sagte Bundestrainer Sturm. Als Patrick Reimer nach 90 Overtime-Sekunden den Puck ins schwedische Gehäuse bugsierte, zog Referee Mark Lemlin (USA) erst einmal den Videobeweis zu Rate. Reimer machte sich keine Sorgen: „Ich wusste genau, dass er drin war.“ Sein Urteil verkündete Lemlin mit den Worten: „We have a good goal.“ Wir haben ein reguläres Tor.
„Wir alle sind Helden“
Sturm verschwand daraufhin in einer sich auf ihn stürzenden Menschtraube, der schweißgebadete Münchner Torhüter Danny Aus den Birken frohlockte wenig später: „Bei uns gibt es keinen einzelnen Helden – wir alle sind Helden.“ Marco Sturm sah es ähnlich: „Wir waren auf dem Eis eine Einheit. Ich bin stolz auf meine Mannschaft, die wirklich zusammenhält.“
In der von deutschem Kämpfertum geprägten Partie stand zunächst vor allem Keeper Aus den Birken im Brennpunkt. In den ersten sieben Spielminuten lautete das Schussverhältnis 12:0 für Schweden. Doch die Deutschen hielten dem ersten Ansturm stand. „Wahnsinn. Jeder hat seinen Kopf und Kragen riskiert. Was für eine Mannschaftsleistung. Der Teamgeist ist manchmal mehr wert als individuelles Talent.“, sagte Aus den Birken, „unglaublich, wie viele Schüsse wir geblockt haben.“ Die schwedische Anfangsoffensive wurde durch einen Doppelschlag von Christian Erhoff (14.) und Marcel Noebels (15.) jäh gestoppt. „Wir haben zum richtigen Zeitpunkt die Tore geschossen“, befand Sturm.
Den schwedischen Anschlusstreffer durch Anton Lander (47.) konterte der Münchner Dominik Kahun (49.) mit dem 3:1. Der schmale Stürmer zeigte bei dieser Einzelleistung wieder einmal, was für ein feiner Techniker doch in ihm steckt. Aus den Birken sagte über seinen EHC-Teamgefährten: „Das ist mein Junge aus München, den kenne ich. Als er die Scheibe hatte, dachte ich mir schon: Der Junge knallt das Ding jetzt rein.“ Kahun meinte: „Zuletzt hat mir das Scheibenglück gefehlt, dafür war das Tor jetzt umso schöner.“
Die spieltechnisch erwartungsgemäß überlegenen Schweden schlugen zwar zurück, doch nach den Treffern von Patrik Hersley (50.) und Mikael Wikstrand (52.) zum 3:3 war es Reimer, der den entscheidenden Schuss setzte. „Er machte das eiskalt, so wie in der Liga“, sagte aus den Birken. Für Kapitän Marcel Goc stand nun fest: „Wir haben Eishockey-Geschichte geschrieben.“ Kahun meinte: „Jetzt spielen wir im Halbfinale gegen Kanada und wissen: alles ist möglich.“ Sein Spezi Aus den Birken pflichtete ihm bei: „Das ist ein unglaubliches Gefühl. Und dieses Gefühl wollen wir nicht stoppen Wir hören jetzt nicht auf zu spielen.“
Auf die deutsche Mannschaft, so Präsident Reindl, warte nun mit den Kanadiern „eine quirlige High-Speed-Mannschaft“. Sturm erklärte: „Uns kann nichts mehr schocken. Wichtig, dass wir cool und locker bleiben.“ Wie er sein Team einstelle? Sturm: „In so einem Spiel muss der Trainer eigentlich nichts mehr sagen.“