Pyeongchang – Mariama Jamanka wurde nach ihrer sensationellen Goldfahrt von ihren Gefühlen übermannt. Noch im Schlitten sitzend vergoss die Bob-Pilotin aus Oberhof Freudentränen, nach dem Aussteigen starrte die 27-Jährige ungläubig ihre Anschieberin Lisa Buckwitz an. Doch es stimmte: Jamanka raste bei den Winterspielen in Pyeongchang nervenstark zum vollkommen unerwarteten Olympiasieg.
„Es ist wirklich der Hammer“, sagte Jamanka: „Ich habe mir nichts von den anderen angeguckt. Ich bin schon mit einer gewissen Lockerheit rangegangen, aber am Ende ist es ein Rennen und man will alles geben. Ich bin froh, dass es so geklappt hat.“
Bundestrainer Rene Spies stürzte den Goldmädels nach der Zieldurchfahrt entgegen und brüllte seine Freude heraus. Die ehemalige Leichtathletin Jamanka siegte im Alpensia Sliding Centre mit 0,07 Sekunden Vorsprung auf Weltmeisterin Elana Meyers Taylor aus den USA. Dabei war die Vize-Europameisterin eigentlich nur die Nummer zwei im deutschen Team. Platz drei ging an die zweimalige Olympiasiegerin Kaillie Humphries (Kanada/+0,44 Sekunden).
„Sie hat in den letzten Jahren schon gezeigt, dass sie eine ruhige Persönlichkeit ist. Daran hat sich nichts geändert, auch zwischen den Läufen wirkte sie sehr ruhig, das hat uns ein gutes Gefühl gegeben. Es war eine sensationelle Leistung“, lobte Spies.
Die Europameisterin Stephanie Schneider (Oberbärenburg) verpasste derweil als Vierte mit Anschieberin Annika Drazek Bronze um 0,08 Sekunden. Die EM-Dritte Anna Köhler (Winterberg) musste sich mit Erline Nolte mit Rang 14 begnügen.
Jamanka ist die erste deutsche Pilotin seit Sandra Kiriasis vor zwölf Jahren in Turin, die Gold bei Winterspielen gewinnt. Nach dem Olympiasieg von Francesco Friedrich im Zweier ist es bereits der zweite Triumph für das deutsche Team. Vor vier Jahren in Sotschi waren die Bobfahrer erstmals seit 50 Jahren noch komplett leer ausgegangen. Diese Schmach ist getilgt.
Das Sieger-Paar war erst kurz vor den Winterspielen auf Geheiß von Cheftrainer Spies zusammengekommen. Er hatte Annika Drazek aus dem Jamanka-Bob in den Schlitten von Stephanie Schneider beordert, um so die aus seiner Sicht beste Pilotin mit der besten Anschieberin fahren zu lassen und die Aussichten auf eine Medaille zu verbessern. Buckwitz, die bis dahin mit Schneider in einem Bob saß, kam zu Jamanka.
Vor dem entscheidenden Durchgang war der Vorsprung der 27-jährigen Jamanka und ihrer vier Jahre jüngere Partnerin auf Meyers Taylor/Gibbs von sieben auf die Winzigkeit von vier Hundertstelsekunden geschrumpft. Doch im Schlussdurchgang konterten sie noch einmal und sicherten sich das Gold.
Scheider und Drazek hatten Pech. Beide waren schon zu den ersten beiden Läufen verletzt an den Start gegangen. Schneider hatte mit muskulären Problemen am Rücken zu kämpfen, Drazek war vor einer Woche im Training bei einem Hürdensprung umgeknickt. Ihre Vorteile als beste Starterinnen im Feld konnten sie nicht nutzen.
Auch wenn Schneider und Drazek das erhoffte Ergebnis nicht lieferten, der Erfolg der deutschen Frauen ist dank Jamanka und Buckwitz beeindruckend. Nach dem schwachen Abschneiden in Sotschi und den Rücktritten der Weltmeisterinnen Sandra Kiriasis, Cathleen Martini und Anja Schneiderheinze leitete Cheftrainer Spies einen Neuaufbau ein. Der Lohn folgte nun in Pyeongchang – mit Jamanka an der Spitze. Die übrigens hatte im laufenden Weltcup-Winter keinen Sieg geholt. Sie war auf den Punkt da.