Vonns Abschieds-Show ohne Krönung

von Redaktion

Mit Abfahrts-Bronze beendet der US-Star seine Olympia-Karriere – Siegerin Goggia wollte vor allem „Lindsey schlagen“

Von Elisabeth Schlammerl

Pyeongchang – Lindsey Vonn versteht es wie wenige, mit den Emotionen zu spielen. Professionell knipst sie ihr Lächeln an, auch wenn ihr zum Heulen zumute ist. Und manchmal verdrückt sie ein paar Tränen, von denen niemand weiß, ob sie echt oder Teil einer bewussten Inszenierung sind. Gestern in Jeongseon hat die 33 Jahre alte Skirennläuferin aus den USA versucht, eine gute Verliererin zu sein, spazierte zunächst mit einem strahlenden Lächeln durch den Zielraum und nahm sich Zeit für Interviews. Sie umarmte Sofia Goggia innig, die Italienerin, die Vonns Traum vom zweiten olympischen Abfahrtsgold zerstört hat. Aber die Fassade hielt nicht lange, schon vor der Kamera des Olympia Channel flossen erstmals Tränen.

„Es war so ein emotionaler Tag für mich.“ Es war nicht klar, ob der Ärger über den verpassten Sieg, die Erleichterung, mit Bronze wenigstens eine Medaille gewonnen zu haben, oder ganz einfach ihr Hang zum Drama dafür verantwortlich waren. Sie verpasste auch nicht, wie schon vor Beginn der Spiele, ihren im November verstorbenen Großvater ins Spiel zu bringen. „Ich wollte unbedingt für ihn gewinnen“, sagte sie nach dem letzten olympischen Abfahrtsrennen ihrer Karriere.

Die Amerikanerin hat seit den verpassten Winterspielen 2014 und ihrer Rückkehr nach zwei Kreuzbandrissen keine Zweifel daran gelassen, dass sie dem Ziel, Gold in Pyeongchang zu gewinnen, alles unterordnen werde. Aber je näher das Ereignis rückte, desto klarer wurde Vonn, dass es vielleicht nicht mehr reichen könnte, ihr Bestes zu geben, weil ihr in Goggia eine Konkurrentin erwachsen ist, die sehr an sie selbst erinnerte. Die 25-Jährige aus Bergamo reizt ihr Limit aus, so wie eben früher Vonn. „Sie ist diejenige, von der ich weiß, dass sie immer 110 Prozent gibt.“ Beide haben schwere Knieverletzungen hinter sich, Goggia vier Kreuzbandrisse, Vonn zwei, dazu kommen bei der Amerikanerin etliche weitere Blessuren. Beide sind getrieben von großem Ehrgeiz und beiden schätzen einander sehr, vielleicht auch deshalb. Im November wollte Goggia von Vonn wissen, wie sie mit Druck und den hohen Erwartungen umgehen. „Wir tranken Kaffee in meinem Hause und das hat ihr wahrscheinlich geholfen“, sagt Vonn.

Im vergangenen Jahr ist die Italienerin durchgestartet und zum ersten Mal auf dem Siegerpodest gelandet. Den Olympia-Test in Jeongseon hat Goggia vor Vonn gewonnen, dafür war die Amerikanerin bei den letzten beiden Weltcuprennen vor Olympia vorne gewesen. „Mir war klar, dass sie es sein würde, die ich heute schlagen muss“, sagte die viermalige Gesamtweltcupsiegerin. Sie habe eine solide Fahrt gehabt, „vielleicht zu präzise“. Doch Goggia war nicht zu schlagen, nicht von Vonn und auch nicht von der Norwegerin Ragnhild Mowinckel, die ihr mit neun Hundertstelsekunden Rückstand noch am nächsten kam und Silber gewann.

Viktoria Rebensburg aus Kreuth beendet ihren letzten olympischen Einsatz mit Platz neun, die Starnbergerin Kira Weidle landete auf dem elften Platz. Während Rebensburg in der Abfahrt ohnehin nicht zu den Favoriten zählten, erst recht nach den verpassten Chancen im Riesenslalom und Super-G sowie durchwachsenen Trainingsläufen, hatte Goggia an diesem Wettkampf höchste Erwartungen. „Ich bin mit einem Ziel angereist: Lindsey zu schlagen“, sagte sie.

Goggias Prinzip: „Messer zwischen den Zähnen“

Goggia hat im Gegensatz zu Vonn die Rückschläge sehr früh hinnehmen müssen. „Mir wurde nie etwas geschenkt, ich musste mir alles erarbeiten, und das mit dem Messer zwischen den Zähnen“, sagte die quirlige Italienerin. Vor allem waren es Stürze, die die Hochtalentierte vom Weg abbrachten. „Ich denke, die Verletzungen mussten sein, um dorthin zu kommen, wo ich heute bin.“

Sie selbst bezeichnet sich als chaotisch, ihr Trainer und Betreuer sagen, sie lasse sich vor allem von ihrem Gefühl leiten. Meistens jedenfalls. Die Olympia-Abfahrt jedoch ging Goggia so fokussiert wie selten an. „Ich habe wirklich auf jedes kleine Detail aufgepasst. Ich wollte perfekt sein wie ein Samurai“, sagte die Tochter einer ehemaligen Literatur-Professorin. Auf Ski ist ihr dies bei der Olympia-Abfahrt sehr gut gelungen, anschließend kam doch wieder die kleine Chaotin durch, als sie hektisch versuchte, die italienische Fahne fürs Foto auseinanderzufalten. Dafür küsste sie dann pathetisch den Schnee von Jeongseon.

Vonn hatte in dem Moment schon Trost bei ihren Schwestern und Vater Alan gesucht. „Ich werde Olympia vermissen“, sagte sie.

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