Monte Carlo – Boris Becker ist in Monte Carlo wie zuhause, das merkt man. Er scherzt mit Reportern, albert mit Kindern, spricht als Mitglied der Laureus Academy Klartext. Da ruht einer in sich, so lautet die Botschaft seines Auftritts. Momentan kann er es sich sogar leisten, dem neuen deutschen Tennis-Star Alexander Zverev einen Korb zu geben.
Er berate ihn gerne, es sei ja auch seine Aufgabe als Chef des deutschen Tennis, sich um seine Schützlinge zu kümmern. Aber als Coach mit ihm um die Welt reisen, trainieren und alles rundherum organisieren? „Nein, Danke“, sagte der 50-Jährige gestern bei den Laureus Awards. Zverev hatte sich erst kürzlich von seinem bisherigen Trainer Juan Carlos Ferrero getrennt, seither gab es Gerüchte um ihn und die deutsche Tennis-Legende. Aber Becker wiegelte gestern ab: „Ich bin beschäftigt, und ich denke, er profitiert auch in meiner Rolle als Tennis-Chef. Ich kann dann anders mit ihm reden als als Coach. Ich bin so freier.“
Dass er nicht als Zverevs Trainer fungieren möchte, ist kein Ausdruck von Geringschätzung. Im Gegenteil: Becker lobte den Hamburger gestern mal wieder in höchsten Tönen. „Das ist ein Diamant, wir können froh sein, dass wir ihn haben. Er ist der beste 20-Jährige der Welt.“
Aktuell lauert Zverev auf Rang fünf der Weltrangliste. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er noch weiter klettert“, sagte Becker. Das Problem sei nur, dass es keine gute Phase für Emporkömmlinge ist. Die Top Vier geben sich keine Blöße, da muss man Geduld haben und dranbleiben, so der dreifache Wimbledonsieger. „Es gibt einige 20-, 21-Jährige, die da oben an der Tür klopfen – aber er klopft am lautesten.“ Die Tennis-Fans könnten sich auf eine aufregende Zeit einstellen, so Becker: „Superstars gegen die kommende Generation, es beginnt jetzt dann erst.“
Aufgeschlossen zeigte er sich gegenüber den Plänen, den Davis Cup zu reformieren. Anfang der Woche hatte der ITF einen Plan vorgestellt, die besten 18 Nationen ab 2019 in einem Wettbewerb jährlich innerhalb einer Woche im November gegeneinander antreten zu lassen, auf neutralem Boden. Die Profis würden das begrüßen, sagte Becker. Das aktuelle Format sei für Weltklassespieler nicht mehr zu bewerkstelligen. „Es ist zwar der wichtigste und älteste Mannschaftswettbewerb im Tennis, aber er ist ein bisschen verstaubt“, meinte der 50-Jährige. Wenn man ihn in Monte Carlo so sieht, muss man sagen: Er selbst ist gerade so ziemlich das komplette Gegenteil von verstaubt. awe