Einzigartig, unantastbar

von Redaktion

Thomas Müller verkörpert Heynckes’ Bayern

München – Von Thomas Müller ist in der vergangenen Woche ein Video veröffentlicht worden, und zwar von niemand Geringerem als seiner eigenen Frau. Das Ehepaar ist bekanntlich pferdevernarrt, Lisa Müller reitet Dressur, Thomas kümmert sich um alles außenrum – wohl auch die Unterhaltung der Tiere. Auf dem Filmausschnitt steht der 28-Jährige vor einem seiner Pferde und scharrt mit dem Fuß, während sein Gegenüber dasselbe mit seinem Huf veranstaltet. Mal links, mal rechts. Das Ganze sieht – gelinge gesagt – bescheuert aus. Aber es ist eben: Ein typischer Müller.

Lisa Müller postete dieses Video auf den sozialen Netzwerken, als ihr Mann gerade auf dem Rückweg aus der Allianz Arena war. Am vergangenen Dienstag war das, 5:0 hatte die Partie des FC Bayern gegen Besiktas Istanbul geendet, Müller hatte zwei Treffer erzielt und einen weiteren vorbereitet. Die Unterschrift des Ehegattin: „Filou hat Thomas wertvolle Tipps für das Spiel gegeben.“

Am Samstag, beim 0:0 gegen Hertha BSC, gelang das nicht. Aber da die Nullnummer die Bayern ja bekanntlich kaum berührt hat, darf man den Blick ruhig auch in dieser Woche noch ein wenig weiter zurückrichten. Vielleicht sogar auf den Tag vor dem Hinspiel gegen Istanbul, an dem in den Planspielen diverser Experten auch der Name Müller diskutiert wurde. Einen „Härtefall“ hatte es geben müssen, das war vorab klar gewesen. Und man fand doch einige, die eher auf Müller als Arjen Robben auf der Bank gewettet hätten. Vor nicht allzu langer Zeit ein logischer Gedankengang. Aber im Moment? Absolut unvorstellbar.

„Einen Thomas Müller nicht zu berücksichtigen oder infrage zu stellen, schließe ich aus“, sagte Jupp Heynckes nun der „Bild“-Zeitung. Das sind insofern bemerkenswerte Worte, als der Bayern-Coach in den vergangenen Wochen keine Gelegenheit ausgelassen hatte, auch die Stars in seinem Kader öffentlich wie nicht-öffentlich auf Zwangspausen einzustellen. Müller hatte es mal in Wolfsburg getroffen, aber schon da war eigentlich klar, dass er im ersten großen Spiel des Jahres ran dürfen werde. Er, der laut Heynckes „nicht nur Führungsspieler, sondern Identifikationsfigur auch für die Region“ ist. Er, für den „dieser Klub sein Klub“ sei.

WM-Jahre sind Thomas Müller-Jahre, sagt man ja gerne. Aber das sportliche Tal, das der Offensivspieler seit dem WM-Titel 2014 durchgangen hat, war tiefer als gewohnt. Worte wie aktuell – „das Phänomen Müller ist wieder zurück“ – wählte Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge lange nicht mehr. Nun sagt er: „Müller personifiziert diesen Bayern-Spirit“, der das Team weiterhin von drei Titeln träumen lässt.

Die Floskel „von Heynckes wachgeküsst“ passt nicht optimal zur Causa Müller, weil der derzeitige Kapitän schon im Herbst – bis ihn ein Muskelfaserriss ausbremste – deutlich verbesserte Leistungen zeigte. Unter dem Triple-Trainer aber ist er wieder zu jenem Spielertypen geworden, den es laut Heynckes „in ganz Europa nicht gibt“. In Wolfsburg kam die Partie erst nach seiner Einwechslung in Schwung, gegen Besiktas war er entscheidend.

Dass seine Stimme zudem „in der Mannschaft gehört“ werde, könnte für Heynckes noch wertvoll sein. Denn auch wenn der Ausfall von Kingsley Coman die Lage etwas entschärft: Die Offensive wird sich Woche für Woche neu aufstellen müssen, die Plätze sind bekanntlich rar. Alle scharren mit den Hufen – da schadet ein Moderator mit Humor sicher nicht.  hlr

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