München – Wenn einer die Stimmung an diesem Abend beurteilen kann, dann Stefan Reuter. Zwölf Jahre, von 1992 bis 2004, hat der Sportdirektor des FC Augsburg das Trikot von Borussia Dortmund getragen. Er machte alle Höhen und Tiefen des Fußballgeschäfts durch, feierte Meisterschaften und den Champions League-Titel, am Ende aber auch das Abrutschen des BVB bis an den Rand der Insolvenz. Nur eines erlebte er nie: Dass die Borussen-Anhänger ihrer Mannschaft die Unterstützung versagten. Dafür musste Reuter erst mit seinem aktuellen Klub nach Dortmund kommen.
Am Montag, beim Heimspiel der Westfalen gegen den FCA, fehlten die Mitglieder von 350 Fanklubs, die sonst immer da sind. Statt der üblichen 81 000 Zuschauer waren bloß 54 300 erschienen. Historisch versierte Beobachter kamen zu dem Ergebnis, dass der Besuch zuletzt vor 20 Jahren so bescheiden war. Selbst vergangene Saison gegen Wolfsburg, als die komplette Südtribüne aufgrund von Übergriffen auf Leipziger Fans gesperrt war, füllten 56 000 die übrigen Ränge. Die Kulisse des Augsburg-Spiels war also rekordverdächtig miserabel. Und das alles wegen des Montags-Termins.
BVB-Boss Watzke rudert schon zurück
Spiele in Dortmund, wo er noch etliche Ordner aus seinen Profizeiten kennt, sind für Stefan Reuter immer eine besonders angenehme Dienstreise. Diesmal war es noch etwas schöner, aber aus einem anderen Grund. „Sonst brennt hier die Hütte“, erinnerte sich Reuter nach dem überraschenden 1:1 seiner Mannschaft. Dass die Stimmung diesmal auf Sparflamme kochte und sich zeitweise eine gespenstische Stille über die Ränge legte, behagte den Gäste logischerweise mehr als den Gastgebern. „Die Zuschauer schieben sonst extrem an“, sagte Reuter. „Vielleicht war es gut für uns.“
Erst zwei der fünf für diese Saison geplanten Montagsspiele sind absolviert, und schon jetzt hat man den Eindruck, dass die Ablehnung kaum noch wachsen kann. 90 Prozent beträgt sie aktuell nach einer Erhebung des „kicker“. Für die Fans – nicht nur die kommerzkritische Ultra-Bewegung – ist der Montagabend der nächste, besonders dreiste Versuch, ein paar Euro mehr aus dem Fußball zu pressen. Notfalls auf Kosten der Anhänger, die unter der Woche nur unter größten Mühen durch die halbe Republik reisen können.
Nach den Protesten vor einer Woche in Frankfurt und den Ankündigungen der Dortmunder Fanszene war klar, dass es ein ungemütlicher Abend werden würde. Aber so ungemütlich? „Diese große Ablehnung habe ich in der Form nicht erwartet, da muss man ehrlich sein“, gestand BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, der einen engen Kontakt zur Basis pflegt und immer wieder einen komplizierten Spagat zwischen Traditionspflege und Marketingmoderne („Echte Liebe“) zu vollziehen hat. Watzke weiß: „Der Montag ist jetzt das Vehikel, den generellen Unmut kundzutun.“ Was er nicht sagte: Kaum ein Thema ist als Vehikel derart geeignet.
Offiziell begründet die DFL die Einführung mit der Terminenge der Europa League-Teilnehmer. Wer Donnerstagabend noch irgendwo im Ausland beschäftigt ist, dem könnte ein zusätzlicher Ruhetag guttun – soweit die Theorie. In der Praxis kommen die Montagspiele allerdings erst zu einem Zeitpunkt, wo sich die deutschen Reihen in den internationalen Wettbewerben längst gelichtet haben. Im Herbst, als drei Bundesligisten donnerstags spielten, musste regelmäßig einer am Sonntag um 13.30 Uhr ran. Noch so ein ungeliebter Termin, der schmerzhaft mit dem Amateurfußball kollidiert.
Für die Verhandlungen über den nächsten Fernsehvertrag (die allerdings erst in zwei Jahren anstehen) hat Watzke bereits angekündigt, die Ausweitung des Spieltages einer sehr kritischen Prüfung zu unterziehen. Der Zeitung „Reviersport“ sagte er: „Ohne Montagsspiele werden wir vielleicht ein, zwei Millionen weniger einnehmen. Aber eine größere Einheit mit den Fans ist uns mehr wert.“
Zunächst hat der deutsche Fußball aber andere Sorgen. Die verbleibenden drei Ansetzungen am Montagabend hat die DFL für die Rückrunde noch nicht festgelegt. Die Europa League-Achtelfinals Anfang und Mitte März sind kurioserweise nicht betroffen. Der BVB zum Beispiel muss nach seinem Auswärtsspiel am späten Donnerstag in Salzburg bereits sonntags um 13.30 Uhr gegen Hannover ran. In dieser Planung spiegelt sich der ganze Widersinn der DFL-Argumentation. Im krassesten Fall könnten vor den Viertelfinals bereits alle Bundesligisten ausgeschieden sein, aber immer noch drei Termine zu vergeben.
Ähnlich wie Dortmund geht es im März RB Leipzig mit dem Gastspiel im fernen Sankt Petersburg. Drei Tage später kommt der FC Bayern. Nach der DFL-Logik hätte dieses Spitzenspiel durchaus an einem Montag stattfinden können. Aber mit dem Branchenprimus wollte sich die Liga anscheinend lieber nicht anlegen.